Abgeschaltete Atomkraftwerke, Klimaanlagen auf Hochtouren, wenig Wind und keine Sonne treiben die Strompreise in den Abendstunden nach oben. Mittags hingegen fallen die Preise – oftmals unter Null.

(fotoART by Thommy Weiss/Pixelio)
Der Markt spielt Achterbahn. Strompreise, die mittags die Nulllinie kratzen oder sogar unterschreiten, weil die Sonne zur Mittagszeit die Paneele auf Hochtouren bringt, gehören für die Stromhändler an der Leipziger und der Pariser Strombörse zwar zum gewohnten Bild. Dass sich der Preis am Abend jedoch verzehnfacht, ist hingegen neu.
Die Hitzewelle stellt den Strommarkt gehörig auf den Kopf. Denn gewöhnlich geht der Strompreis ab etwa 18 Uhr nach unten. Logisch: Wenn Fabriken, Büros und Geschäfte schließen, lässt die Nachfrage nach. Wenn dann die Menschen ab zehn Uhr abends sich nach und nach zu Bett begeben, sinkt sie weiter und erreicht gegen ein Uhr morgens ihren Tiefstand.
Doch zur Zeit ist vieles anders. Die Preisspitzen werden erst gegen 21 Uhr erreicht. Und sie sind extremer. Für Mittwoch, 20.45 Uhr wurde die Kilowattstunde mit 0,75 Euro gehandelt – der höchste Wert seit Dezember 2024. Einen Tag zuvor lagen die Preise ähnlich hoch. Ungewöhnlich ist auch, dass die Strompreisspitzen im Sommer auftreten. Der Grund sind massive Veränderungen sowohl im Verhalten der Abnehmer wie auf der Seite der Stromerzeuger.
Hitzeflauten treiben Preise
Hitzeflaute nennen die Fachleute das neue Phänomen. Hitzeflauten sind geprägt
- von starker Nachfrage, weil Kühl- und Klimaanlagen auf Hochtouren laufen.
- von reichlich günstigem Strom im Netz aus Solaranlagen. Vor allem an Wochenenden gibt es zur Mittagszeit den Strom häufig umsonst oder gar zum Negativpreis. Das Problem: Geht die Sonne unter, geht die Stromerzeugung in die Knie. Da die Temperaturen auch am Abend häufig noch bei 30 Grad liegen, laufen die Kühlanlagen aber weiter. Auch die Rechenzentren reduzieren ihren Stromverbrauch abends und nachts nur geringfügig.
- von der relativen Windstille unter der Hitzeglocke. Zu gewöhnlichen Zeiten ergänzen sich Wind und Sonne häufig. Geht die Sonne unter, weht – abgesehen zu Zeiten von Dunkelflauten – der Wind weiter. Jahreszeitlich gesehen ist die Ergänzung sogar ziemlich optimal: Im windarmen Sommer gibt es reichlich Sonne für Solarstrom, im dunklen Winter reichlich Wind für Windstrom.
- vom Mangel an Lückenbüßern. Der Strom aus Gas- und anderen konventionellen Kraftwerken, die den Ausfall des Solarstroms kompensieren sollen, ist extrem teuer. Zum einen, weil die Springerkraftwerke nur wenige Stunden im Jahr laufen. Entsprechend hoch sind die Kosten für das meist brachliegende Kapital. Hinzu kommt, dass konventionelle Kraftwerke vornehmlich im Sommer gewartet werden. Das treibt den Strompreis zusätzlich.
- von gedrosselten oder abgeschalteten AKW in den Nachbarländern. In heißen Sommern müssen viele Atomkraftwerke heruntergefahren werden, weil das Kühlwasser in den Flüssen zu warm ist – oder die Flüsse hitzebedingt wenig Wasser führen. Die Atomstrom-Importe aus Frankreich und der Schweiz gehen daher stark zurück. Oder sie entfallen ganz. Auch die AKW-Betreiber verlegen ihre Wartungen meist in die Sommermonate.
- von fehlenden Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK). Sie fallen im Sommer weitgehend aus. KWK dienen sowohl der Wärmeproduktion für Fernwärmenetze wie für die Stromproduktion. Da es zur Sommerszeit so gut wie keine Nachfrage nach Wärme gibt, lohnt sich der Betrieb kaum.
Flexible Tarife Ausnahme
Tröstlich: Den vielbeklagten Preisausschlägen nach oben stehen die Ausschläge nach unten entgegen. Allein in idesem Jahr gab es 242 Stunden mit negativen Strompreisen. Auch in den beiden vergangenen Jahren gab es vergleichbar viele Negativ-Preistäler. Die Anzahl der Minustunden hat sich innerhalb eines Jahrzents versechsfacht. Die steigende Volatilität mag für die Strombroker in Leipzig und Paris sowie die örtlichen Stromversorger eine Herausforderung sein. Otto Normalverbraucher merkt davon nichts – sofern er noch einen der herkömmlichen fixierten Tarife hat. Aber auch für die Stromkunden mit flexiblen Tarifen hält sich das Risiko in Grenzen: Die neuen Flextarife haben Ober- und Untergrenzen.
Dummes Netz
Die Ausschläge sind die Folge von Versämnissen in der Energiepolitik. Sie richtet die sich letztlich nach den Interessen von Energiekonzernen, die strategisch in den Siebzigerjahren stehengeblieben sind. So hinkt der Ausbau des intelligenten Netzes in Deutschland dem anderer europäischer Länder weit hinterher. In Ländern wie Frankreich, Italien oder Dänemark verfügen mehr als 90 Prozent der Haushalte über intelligente Zähler. Die ermöglichen auch Kleinverbrauchern Preisspitzen zu vermeiden und Preistäler zu nutzen. Das stabiliert das Netz und hilft den Endverbrauchern beim Sparen. Doch in Deutschland beziehen nur sieben Prozent aller Stromkunden einen flexiblen Tarif.
Teure Puffer
Hinzu kommt, dass Deutschland zum Teil noch auf Kohlekraftwerke als Puffer setzt. Diese sind vergleichsweise träge. Die hohen Anfahrtskosten und die langen Anheizzeiten lohnen das Anfahren oft selbst bei hohen Strompreisen nicht – auch, weil die Preisspitzen meist nicht lange anhalten. Gaskraftwerke sind flinker. Einfache Gasturbinen sind schon nach einer Viertelstunde auf Volllast. Größere Gas-und-Dampf-Kombikraftwerke können durch beschleunigten Start nach knapp einer Stunde schon viel Strom erzeugen. Im Normalfall brauchen KWK allerdings deutlich länger.
Akkus besser
Für kurzzeitige Spitzenlasten – wie sie während Hitzeflauten vorkommen – wären stationäre Batterien die geeigneten Lückenfüller. Das schnelle Anfahren ist kein Problem. Darüber hinaus haben sie nur füf bis zehn Prozent Lade- und Entladeverluste. Gaskraftwerke hingegen weisen mit 40 bis 60 Prozent einen eingeschränkten Wirkungsgrad auf. Für Batterien sprechen auch die fallenden Preise. Seit 2010 sind die Preise für stationäre Stromspeicher um über 90 Prozent gesunken. Und die Talfahrt ist noch lange nicht zu Ende. Für längere Dunkelflauten im Winter reichen sie allerdings nicht. Knappheiten von weniger als zehn Stunden im Sommer können sie hingegen locker und kostengünstig ausgleichen.
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