Die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group hat untersucht, was an den Argumenten gegen die Energiewende dran ist. Im sechsten und letzten Check geht es um die Frage, ob die Klimapolitik Deutschlands und der EU ausreicht, um die Erderwärmung zu stoppen. Die Antwort gibt es exklusiv auf Greenspotting.

Reicht die Klimaschutzpolitik Deutschlands und der EU? (Photonbox/Pixabay)
Der letzte Sommer, der an die diesjährige Hitzewellen erinnert, liegt vermutlich 486 Jahre zurück. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Klimaschutzpolitik Deutschlands und der EU ausreichen, um die die fortschreitende Erderwärmung und damit die ständige Wiederholung der sommerlichen Heißluftattacken in den kommenden Jahren zu verhindern. Dieser Frage ging die Berliner Denkfabrik Energy Watch Group in ihrem sechsten und letzten Check der wichtigsten Argumente gegen die Energiewende nach. Greenspotting veröffentlicht auch diesen Check exklusiv. Was ist als dran an der
BEHAUPTUNG: Die Klimaziele Deutschlands und der EU reichen aus, um die globale Erderwärmung auf 1,5 bis 2 Grad Celsius zu begrenzen. Damit entspricht man dem Pariser Klimabkommen von 2015.
ZUTREFFEND IST JEDOCH: 1,5 Grad globale Erwärmung ist jetzt schon dauerhaft erreicht. Damit die globale Erwärmung deutlich unter zwei Grad bleibt, müssen fossile Investitionen jetzt enden und die Treibhausgasemissionen in den Industriestaaten bis etwa 2037 auf null gesenkt sein. Die deutschen bzw. EU-Klimaziele sehen dagegen vor, erst 2045 bzw. 2050 auf netto null zu kommen. Damit genügen sie nicht den Anforderungen des Pariser Klimaabkommens. Für ein stabiles Klima muss die Erderhitzung zudem in Zukunft wieder unter ein Grad gesenkt werden. Sonst sind gravierende Effekte mit eskalierenden Folgeschäden inklusive weiterer globaler Erwärmung zu erwarten.
Die Fakten
1,5 Grad globale Erwärmung ist zu viel – Das Potsdamer Institut für Klimafolgenabschätzung sieht zusammen mit einer Gruppe von internationalen Wissenschaftlern eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 350 ppm (10 000stel Prozent) als Grenze49, auf die sich auch das Umweltbundesamt bezieht.50 Die Grenze wurde bereits 1998 erreicht und entspricht in etwa einer globalen Erwärmung von 1,0 Grad.52 Bei höheren CO2-Konzentrationen bzw. Temperaturen sei ein Abschmelzen der Polkappen zu erwarten. Das wird durch die Feststellungen und Prognosen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, das höchste globale wissenschaftliche Gremium zum Klimawandel) erhärtet. Dieses stellt fest, dass
- die Polkappen seit 1990 abschmelzen und sich die Polschmelze auch dann fortsetzen werde, wenn die globalen Temperaturen nach 2025 nicht weiter steigen sollten53;
- die Permafrostböden bereits jetzt instabil werden und dass sie bei 1,5 Grad globaler Erwärmung durch Auftauen so viel CO2 und Methan freigesetzt wird, dass dies die Erdatmosphäre deutlich weiter aufheizt.54
- Diese „Kipppunkte“ führen dann zu einer sich selbst verstärkenden, beschleunigten globalen Erwärmung. Insofern hat schon eine globale Erwärmung von 1,5 Grad einschneidende Folgen für Mensch und Natur und ist „zu viel“.
1,5 Grad globale Erwärmung ist jetzt schon unvermeidbar – In der Klimawissenschaft wird auf Basis von globalen Klimamodellen kalkuliert, wieviel mehr an CO2-Emissionen zu welcher globalen Erwärmung führt. Daraus ergeben sich „verbleibende Kohlenstoffbudgets“, das heißt, die Mengen an CO2-Emissionen, die noch emittiert werden können, bis eine gewisse globale Erwärmung erreicht ist. Nach Aussage des Sachverständigenrates für Umweltfragen (SRU) der Bundesregierung, der sich wiederum auf Arbeiten des IPCC sowie eines seiner führenden Autoren stützt, ist spätestens 2026 das verbleibende Kohlenstoffbudget, um mit ausreichender Wahrscheinlichkeit unter 1,5 Grad globaler Erwärmung zu bleiben, null. Das heißt: Um 1,5 Grad nicht zu überschreiten, müssten die globalen Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen spätestens 2026 auf null reduziert sein. Davon ist man noch weit entfernt: Seit Abschluss des Pariser Klimaabkommens sind die CO2-Emissionen weiter gestiegen, anstatt zu sinken.55 Eine Erwärmung von 1,5 Grad ist damit durch Unterlassung der Weltgemeinschaft unvermeidbar geworden.
Die Einhaltung des im Pariser Klimavertrag vereinbarten Ziels, „deutlich unter“ zwei Grad globaler Erwärmung zu bleiben, erfordert Klimaneutralität bis 2036 – Um deutlich unter zwei Grad zu bleiben, dürfen heute nur noch 569 Milliarden Tonnen CO2 global ausgestoßen werden.56 Gerechnet vom Basisjahr 2016, dem Start des Pariser Klimavertrags, müsste Deutschland bis 2036 linear dekarbonisiert sein, um seinen fairen Anteil beizutragen. Das zeigt eine Studie des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) aus dem Jahr 2024. Dabei sind die verbleibenden CO2-Emissionen nach Bevölkerungsgröße verteilt worden. Das Bundesverfassungsgericht hat das Verfahren des SRU als grundlegend nachvollziehbar eingestuft und gesagt, es solle bei der Ausgestaltung der Klimagesetzgebung berück sichtigen werden.57
Damit erfüllen die Klimaziele Deutschlands und der EU, die Klimaneutralität bis 2045 und 2050 zu erreichen, offensichtlich nicht den Pariser Klimavertrag.
Quellen
49 Planetary Boundaries: Exploring the Safe Operating Space for Humanity, Rockström u.a., 2009.
Planetare Grenzen – Ein sicherer Handlungsraum für die Menschheit, Potsdam-Institut für
Klimafolgenforschung, zuletzt 2023 aktualisiert
50 Planetare Belastbarkeitsgrenzen, Umweltbundesamt, 2024
51 Trends in Atmospheric Global Carbon Dioxide (CO2) – Global annual data, Global Monitoring Lab
(GML) der National Oceanographic and Atmospheric Administration (NOAA) der USA, 2026
52 1988 lag die globale Erwärmung bei 0,635 oC gegenüber der vorindustriellen Zeit (siehe Global
Climate Highlights – Annual Temperatures Anomalies since 1967, Copernicus Climate Change
Service der EU, 2025. Wenn dazu die Latenz von +/-0,3 0C zwischen CO2-Konzentration und globa-
ler Erwärmung addiert, die sich aus den neueren Klimamodellen ergibt, entsprechen 350 ppm in
etwa 0,935 oC globaler Erwärmung. In Earth beyond six of nine planetary boundaries, Richardson
u.a., 2023, wird die Grenze von 350 ppm einer Erderwärmung von 1 oC gleichgesetzt.
53 Regional fact sheet – Polar Regions, Climate Change 2021 – The Physical Science Basis, IPCC, 2021
54 Why Thawing Permafrost Matters, Cho, 2018: “A 2017 study estimated that if global temperatu-
res rise 1.5˚C above 1861 levels, thawing permafrost could release 68 to 508 gigatons of carbon.
Without factoring in human activity, this carbon alone would increase global temperatures 0.13
to1.69˚C by 2300. Since we may have already locked in 1.5˚C of warming above pre-industrial
levels, this amount of additional warming could result in catastrophic impacts of climate change.”
Siehe auch: Permafrost sensitivity to global warming of 1.5 ◦C and 2 ◦C in the Northern Hemi-
sphere, Liu u.a., 2021
55 CO₂-Emissionen weltweit in den Jahren 1960 bis 2024, Statista, 2025
56 S. 3, Das aktualisierte CO2-Budget für Deutschland und die EU-27 ab 2024, Sachverständigenrat
für Umweltfragen 2024
57 “Obwohl die konkrete Quantifizierung des Restbudgets durch den Sachverständigenrat nicht
unerhebliche Unsicherheiten enthält, müssen ihm die gesetzlichen Reduktionsmaßgaben Rech-
nung tragen.“, S. 92 bzw. Rn. 229, Beschluss des ersten Senats vom 24.März 2021 – 1 BvR
2656/18 u.a.m, Bundesverfassungsgericht, 2021


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