Frankreichs legendäre Korkenzieher-Bahn auf der Halbinsel Quiberon wird umfassend modernisiert. Erster Schritt ist die Umstellung des Kultzugs auf Biokraftstoff.

Es ist jeden Sommer das gleiche Spiel. Immer wieder staut sich der Verkehr in kilometerlangen Schlangen auf den Straßen zur wild-idyllischen Halbinsel von Quiberon. Badegäste, die mit dem Auto anreisen, brauchen folglich oft bis zu zwei Stunden für die 27 Kilometer lange Strecke zwischen dem bretonischen Städtchen Auray und dem Hafenort Quiberon an der Spitze der Halbinsel. Kein Wunder: An einer Stelle, der berühmten Landenge von Penthièvre, ist die Halbinsel gerade breit genug für ein Gleis plus Landstraße. Hinzu kommt: Im Sommer verzwanzigfacht sich die Bevölkerung von Quiberon.
Zum Glück gibt es – während der Saison – den sogenannten Tire-Bouchon, auf Deutsch: Korkenzieher. Der Zug heißt deshalb so, weil er den Stau oder Stopfen (franz.: bouchon) beseitigen soll. Die Fahrt in der Korkenzieher-Bahn dauert nur 45 Minuten. Mehr noch – die Verbindung gilt als eine der malerischsten Strecken Frankreichs überhaupt. Die Landschaft wechselt zwischen bretonischen Kiefernwäldern, Dünen und Stränden und über hundert Jahre alten Feriensiedlungen mit stuckverzierten Häuschen. Wem zu Frankreichs Bahnen nur superschnelle TGV-Züge einfallen, wird allerdings enttäuscht sein. An keiner Stelle fährt der Zug schneller als 60 Stundenkilometer. Und es gibt etliche Abschnitte, in denen das Bähnchen mit 30 oder 40 Stundenkilometer daher zockelt.
Bis zu 70 Prozent weniger Treibhausgase
Seit gestern können die Nutzer des Tire-Bouchons die Fahrt in dem Bewusstsein genießen, nicht nur in einem der umweltfreundlichsten Massenverkehrmittel zu reisen. Sie fahren darüber hinaus in einem Zug, dessen Lokomotive auf Biokraftstoff läuft. Der von der französischen Staatsbahn SNCF verwendete Biokraftstoff B100 basiert auf Rapsöl. Ausschließlich französischem Rapsöl, versteht sich! Motoren, die B100 verwenden, stoßen bis zu 70 Prozent weniger Treibhausgas aus. Jedoch dürfte der Biodieselbetrieb langfristig nur eine Übergangslösung sein. Denn die SNCF will letztlich das gesamte Netz auf Strom umstellen. Abschnitte, auf denen sich die Umstellung auf Oberleitungsbetrieb wegen der geringen Frequenz nicht lohnt, sollen von Batteriefahrzeugen bedient werden.

Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst will Frankreichs Staatsbahn 55 Millionen Euro in die Strecke investieren, um den Betrieb der beliebten Halbinsel-Bahn zukunftsfest zu machen. Dazu tauschen die Bahner 53 Kilometer Schienen und 63 000 Tonnen Schotter komplett aus. Bis zu zweihundert Arbeiter sollen in der Winterpause ab Mitte September bis Mitte Juni kommenden Jahres damit beschäftigt sein. Auch die alten Weichen müssen weichen. Im Jahr darauf soll das Signalsystem erneuert werden. Ein Grund für den Umbau: Die Gleise werden an einigen Stellen höher verlegt, um dem Anstieg des Meeresspiegels Rechnung zu tragen.
Lange umstritten
Hauptgrund ist allerdings der teilweise bedauernswerte Zustand der Strecke. Denn das gemächliche Tempo auf einigen Abschnitte dient weniger dazu, den Fahrgästen hinreichend Zeit für die schöne Aussicht zu bieten. Vielmehr lassen die Schienen und Gleisbett häufig höhere Geschwindigkeiten nicht zu. An etlichen Stellen sprießen sogar Grashalme und junge Baumtriebe zwischen den Schottersteinen hervor.
Mit dem Millionen-Investment und der Umstellung auf klimafreundlichen Antrieb bekennt sich die SNCF zur langfristigen Weiterführung der Strecke. Das war nicht immer so. Schon wenige Jahre nach der Eröffnung im Jahre 1882 gab es Überlegungen, den ohnehin lückenhaften Fahrplan weiter auszudünnen. Ab Mitte der Dreißigerjahre des vergangenen Jahrhunderts existierten Absichten eines reinen Sommerbetriebs. Der Krieg durchkreuzte die Pläne. Im Frühjahr 1972 wurden die Regionalzüge schließlich eingestellt. Es blieb nur noch ein Sommerbetrieb für den Fernverkehr nach Paris mit je einem Tages- und einem Nachtzug mit Kurswagen.
Zukunft der Korkenzieher-Bahn gesichert
Wegen der Staus auf der einzigen Straße zur Halbinsel entschieden Verkehrspolitiker in Paris und bretonische Lokalpolitiker um 1980, die Strecke wieder zu beleben. Der neue Zug bekam den zugkräftigen Name Tire-Bouchon. Parkplätze entstanden an den wichtigsten Haltestellen. Eine massive Werbekampagne sorgte für Bekanntheit. Dazu gab es einen Einheitstarif von nur fünf Francs pro Fahrt. Am 1. Juli 1985 fuhr die erste Korkenzieher-Bahn in Auray los. Von vorneherein war allerdings nur ein Sommerbetrieb geplant.
Zunächst nahm die Bevölkerung das Angebot nur zögernd an. Doch von Saison zu Saison stiegen die Fahrgastzahlen. Der Zug zwischen den Meeren wurde zunehmend zum Kultzug. Im Sommer 1990 nutzten schon 60 000 Reisende den Zug. Im vergangenen Sommer waren es 173 000. Inzwischen werden Forderungen laut, den Zug nicht nur zwischen Mitte Juni und Mitte September zu betreiben, sondern ganzjährig. Und niemand macht sich mehr Sorgen um die Zukunft der einst totgesagten Strecke.
Mehr: boursorama; franceinfo

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