Anlässlich der Weltklimakonferenz in Belen in Brasilien sind zahlreiche Märchen und Nebelkerzen im Umlauf, die den Blick auf das Wesentliche – die Schuldigen, die Aktiven und die Bremser – versperren. Ein paar wenige Klarstellungen von Reinhold Böhmer.

Zur Weltklimakonferenz COP30 in Belen in Brasilien titelt das Handelsblatt reißerisch „Das Märchen vom Klimaschutz“. Doch was das führende Wirtschaftsblatt Deutschlands auf acht Seiten dazu verbreitet, läuft – weil eine Mischung aus Weglassen, Verbiegen und Flachheiten – in seiner Wirkung auf das eigentlich Märchen hinaus. Greenspotting versucht deshalb mit ein paar wenigen Klarstellungen beizutragen, Nebelkerzen bei der Berichterstattung über die COP30 zu benennen und den Klarblick zu schärfen.
Rolle der USA, Europas und China: Das Handelsblatt präsentiert eine Tabelle der „Treibhausgasemissionen in ausgewählten Ländern“. Die Tabelle ist nicht nur völlig veraltet und endet im Jahr 2022. Ein zentrales Land fehlt zudem in der Tabelle: China.
Die Klarstellung: Um das wahre Ausmaß der Treibhausgasemissionen zu beurteilen, mit dem die Bürger eines Landes durch ihre Wirtschaftsweise und ihren Lebenswandel das Klima schädigen beziehungsweise in den zurückliegenden Jahren geschädigt haben, muss man den Treibhausgasausstoß pro Kopf betrachten. Danach ist der Ausstoß der US-Amerikaner pro Kopf laut der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge zwar seit Jahren rückläufig. Er betrug 2024 jedoch 13,4 Tonnen. Das waren knapp 50 Prozent mehr als die 8,5 Tonnen eines jeden Chinesen und fast zweieinhalb so viel wie die 5,5 Tonnen eines jeden Europäers.
Fazit: Die Hauptverantwortlichen für den Klimawandel insbesondere in den zurückliegenden Jahrzehnten sind die US-Amerikaner.
Wichtig zu wissen ist auch: In China, das bei den erneuerbaren Energien einschließlich Elektroautos weltweit mit weitem Abstand führt, werden zwar neue Kohlemeiler gebaut, um die Sicherheit der Stromversorgung zu gewährleisten. Jedoch dürften im vergangen Jahr die Treibhausgasemissionen trotz Wirtschaftswachstums gesunken sein. Eine besondere Rolle spielt Indien: Jeder der 1,4 Milliarden Einwohner stößt noch immer mit 1,5 Tonnen gerade einmal ein Zehntel des Treibhausgases eines US-Amerikaners aus. Das ist so wenig, dass jeder einzelne Inder damit die Ressourcen der Erde nicht erschöpft, also auch keinen Beitrag zum den Klimawandel leistet (siehe Grafik). Trotz weiterer Nutzung der Kohle baut das Land die Erneuerbaren Energien gerade in einem solchen Tempo aus, dass es bis 2030 eines seiner Klimazeile erreichen dürfte, nämlich 50 Prozent des Stroms mit Erneuerbaren zu erzeugen.

Wer ist verantwortlich für den Klimawandel? Auch wenn China mit 5 864 Terrawattstunden gefolgt von Indien mit 1,534 Terrawattstunden 2024 am meisten Strom weltweit mit Hilfe von Kohle erzeugte, bleiben die USA wegen des extremem Ölverbrauchs vor allem durch den Verkehr pro Kopf von allen bevölkerungsreichsten Ländern die schlimmsten Klimaschädiger. Dass die beiden Länder als Hauptklimasünder gehandelt werden, liegt schlicht an dem Zufall, dass die Bevölkerung so groß ist. Insofern ist dem brasilianischen Regierungschef Lula da Silva vollumfänglich zuzustimmen, wenn er zur COP30 sagt: „Die reichen Länder haben am meisten von der kohlenstoffbasierten Wirtschaft profitiert. Sie müssen sich nun ihrer Verantwortung stellen, nicht nur, indem sie Verpflichtungen eingehen, sondern auch durch die Begleichung ihrer Schulden.“
Welche Wege führen aus dem Klimawandel? Die Antwort ist eindeutig: Möglichst schnell muss die Verbrennung fossiler Energieträger eingestellt werden. Gleichzeitig müssen die Schwellenländer, deren Bürger kaufkraftbereinigt viel weniger als die Deutschen verdienen (Chinesen: rund 40 Prozent, Inder: nur gut ein Sechstel, Afrikaner in Ghana oder Nigeria: allenfalls ein Neuntel bis ein Achtel) ihren Lebensstandard verbessern, indem sie Ihren Energiebedarf nur noch mit erneuerbaren Energie statt mit Kohle, Öl und Gas befriedigen.
Geht das? Ja. Trotzdem meint das Handelsblatt behaupten zum müssen, dass der deutsche Ausstieg aus Kohle und Öl, etwa durch Elektroautos, dem globalen Klimaschutz „schaden kann“. Dazu lässt die Zeitung Ottmar Edenhofer, den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung schwadronieren: Die Europäer könnten mit ihrem Verzicht auf Kohle einen „weltweiten Kohlehunger stimulieren“, weil durch die verringerte Nachfrage der Preis sinke und dadurch Kohle wirtschaftlicher werde. Das sei, so das Handelsblatt, das „große Dilemma des internationalen Klimaschutzes“. Dies lässt jedoch einen entscheidenden Aspekt außer Acht, nämlich wie preiswert inzwischen klimafreundliche Energie ist.
Was kostet erneuerbare Energie im Vergleich zur fossilen? Zwar zeigt das Handelsblatt anhand zweier Grafiken, wie sehr die Preise der Solaranlagen und der Windkraftanlagen in den zurückliegenden Jahren gesunken sind. Bei Solarmodulen fielen die Preise von rund 70 Cent pro Wattpeak Leistung im Jahr 2016 auf 12,5 bis 5,55 Cent, als auf ein gutes Sechstel bis weniger als ein Zwölftel. Bei Windkraftlagen an Land verringerten sich die Preise von rund 2,7 Millionen Dollar pro Megawatt Turbinenleistung Ende 1980er Jahre auf grob 0,7 Millionen Dollar in diesem Jahr, also auf nur noch ein Viertel.
Doch wie wettbewerbsfähig Strom aus Solar- und Windanlagen gegenüber Kohle mittlerweile ist, zeigen viel besser die Kosten der Stromerzeugung. Hierzu hat das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg im vergangenen Jahr eine Untersuchung durchgeführt – mit entwaffnenden Ergebnissen (siehe Grafik). Danach kostet die Erzeugung einer Kilowattstrom mit Hilfe von Braun- oder Steinkohle in Deutschland grob mindestens 50 Prozent mehr als mit Hilfe größerer Solaranlagen oder Windkraftwerken an Land.
Schlussfolgerungen für die Stillung des verständlichen Energiehungers der Bevölkerung in ärmeren Ländern: Selbst wenn der Kohlepreis jemals fallen sollte, was zu relativieren ist, weil dadurch auch die Kohleförderung weniger wirtschaftlich würde und sinken könnte, bleibt die Nutzung erneuerbarer Energien mit aller höchster Wahrscheinlichkeit die preiswerteste billigste Methode der Stromerzeug – und damit eine einfache und hervorragende Idee der Klimarettung.



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