Pendler
Pendler: Raus aus dem Auto – rein in die Bahn

Annähernd ein Viertel der Treibhausgas-Emissionen des Personenverkehrs entfallen auf Pendler. Eine Studie macht der Politik Vorschläge, wie der Weg zur Arbeit klimaverträglicher wird. Ein Forderung: Ein zügiger Abbau der Autoprivilegien.

Gut frequentierter und bestens ausgebauter Radschnellweg für Pendler und andere Fahrrad-Enthusiasten in den Niederlanden zwischen Arnhem und Niymegen
Gegen Autoverkehr geschützter Radschnellweg in den Niederlanden Attraktive Alternative für Pendler

Von einem solchen Angebot können deutsche Pendler nur träumen. Niederländer, die sich zwischen den Städten Arnhem und Nijmegen per Rad auf den Weg ins Büro oder die Fabrik machen, kommen auf einem breit angelegten und gegen den Autoverkehr geschützten, eigenem Schnellweg flott und sicher an ihr Ziel (siehe obiges Bild).

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Widersinnig: Ampelkoalition schnürt Entlastungspaket für Pendler

Bei unserem Nachbarn im Westen haben Investitionen in gut ausgebaute Rad-und Fußwege sowie in Bahnen und Busse seit langem Priorität. Nicht so zwischen Flensburg und Bodensee. Hier zu Lande hätschelt die Politik seit Jahrzehnten lieber das klima- und umweltschädliche Auto. Kritisieren die Autoren der Studie “Wende im Pendelverkehr” der Berliner Denkfabrik Agora Verkehrswende.

Jüngstes Beispiel: Als Reaktion auf die hohen Preise an den Tankstellen schnürte die Ampelkoalition flugs ein Entlastungspaket für den Verkehr, zu dessen wichtigsten Maßnahmen eine Erhöhung der Pendlerpauschale gehört.

Maßnahmen zur Begrenzung des Autoverkehrs zwingend

Das ist in den Augen des Agora-Chefautors Christian Hochfeld jedoch das genaue Gegenteil einer klimagerechten Verkehrswende, die sich das rot-grün-gelbe Bündnis eigentlich auf die Fahne geschrieben hat. Hochfelds klare Ansage: “Eine spürbare Reduzierung der Autonutzung im Berufsverkehr und der so verursachten CO2-Emissionen kann nur erreicht werden, wenn preisliche und infrastrukturelle Maßnahmen zur Begrenzung des Autoverkehrs ergriffen werden.”

Flächenfraß und Zersiedlung schaden der Umwelt

Mit 146 Millionen Tonnen CO2 heizt der Verkehr in Deutschland jährlich die Erde auf. Nur die Industrie und der Energiesektor verstärken den Treibhauseffekt noch heftiger. Fast ein Viertel – genau 22,4 Prozent – der klimarelevanten Emissionen des Personenverkehrs, schreiben die Forscher, gehen aufs Konto der Berufspendler. Das zeigt, wie groß hier der Hebel für Verbesserungen ist.

Dabei schadet der Berufsverkehr nicht bloß dem Klima. Weitere negative Auswirkungen sind den Agora-Experten zufolge: Zersiedlung der Landschaft, gesundheitliche Belastungen, etwa durch den täglichen Staustress, und Flächenfraß. Jedes Auto beansprucht doppelt so viel Platz wie ein Fahrrad und das mehr als 400-fache wie ein zu 65 Prozent mit Passagieren besetzter Bus (siehe Grafik unten). So die Rechnung der Forscher.

Flächenbedarf verschiedener Verkehrsmittel
Flächenbedarf unterschiedlicher Verkehrsmittel Topsünder Auto

Statt aber wie in den Niederlanden oder in den skandinavischen Ländern den motorisierten Individualverkehr systematisch unattraktiv zu machen, kritisieren die Forscher, pamperte die Politik die Autonutzung mit Dienstwagenprivileg und häufiger Anhebung der Pendlerpauschale. Wenig investierte sie hingegen in einen leistungsfähigen Öffentlichen Nahverkehr.

Immer mehr Pendler, immer weitere Wege

Der Effekt: Immer mehr Menschen machen sich im Auto auf den Weg zur Arbeit (siehe Grafik unten). Die Zahl der Pendler, die von außerhalb kommen, stieg seit der Jahrtausendwende um 30 Prozent auf 19,6 Millionen. Dabei legen sie immer größere Distanzen zurück. Die mittlere Entfernung verdoppelte sich laut der Studie von acht auf 16 Kilometer.

Die Deutschen nutzen das Auto vor allem für den Weg zur Arbeit
Am liebsten im eigenen Pkw Wie die Deutschen zu ihrem Arbeitsplatz kommen

Wie aber ließe der Trend sich umkehren? Neben dem Aufbau eines engmaschigen Rad- und Fußwegenetzes steht ein gut getaktetes und zuverlässiges Angebot an Bus- und Bahnverbindungen ganz oben auf der Prioritätenliste der Experten – ohne lange Wartezeiten und überregional abgestimmt, damit auch das ländliche Umland gut angebunden ist.

Tempo 30 und höhere Parkgebühren zur Abschreckung

Zudem sollen durchgehend Tempo 30 in der Stadt, höhere Parkgebühren und eine City-Maut die Lust der Pendler dämpfen, sich hinters Steuer zu setzen. Gerade letztere Maßnahme empfinden Autofahrer mitunter als eine Art Drangsalierung. Doch in Städten wie Oslo oder London, die sich über den Protest hinweg setzten, stieg die Zustimmung der Bevölkerung nach der Einführung innerhalb kurzer Zeit (siehe Grafik unten).

Zustimmung der Bevölkerung zur City-Maut stieg nach der Einführung
Skepsis gebröckelt Zustimmung zu einer City-Maut stieg nach der Einführung

Es würde Klima und Umwelt auch schon helfen, wenn mehr Menschen, wie während der Corona-Pandemie erprobt, von zuhause aus arbeiteten. Bliebe nur ein Fünftel aller deutschen Büroangestellten täglich daheim, würde das rund eine Million Tonnen Treibhausgase einsparen, haben Fraunhofer-Forscher errechnet. Das entspricht in etwa der Menge, die 370 000 Autos durchschnittlich pro Jahr in die Luft pusten.

Mehr: Agora ntv

Von Dieter Dürand