Ein neuer globaler Wettlauf ist entbrannt: Wer schafft die meisten bidirektionalen Ladestationen, an denen Elektroautos auch Strom abgeben können, um in Mangelzeiten das Netz und die Versorgung mit Elektrizität zu stützen. Und wieder strebt ein bestimmtes Land an die Poolposition.

Die Idee wirkt futuristisch: Stehen Elektroautos nur herum, werden sie mit Ladestationen verbunden. Ist die Batterie leer, wird diese aufgefüllt. Ist die Stromversorgung im Land oder in einer Region gefährdet, geben die Elektroautos Strom aus ihren Batterien ins Netz zurück. Das spart klimaschädliche fossile Reservekraftwerke. Allerdings braucht es dazu Ladestationen, an denen der Strom in beide Richtungen fließen kann, rein und raus gewissermaßen. Bidirektional sagt man dazu auch, auf deutsch: in zwei Richtungen. Genau bei dieser Technik entbrennt gerade ein neuer globaler Wettlauf, wer am schnellsten die meisten solcher Ladestationen baut und damit über einen möglichst Stromspeicher aus quasi zusammengeschalteten Elektroautos verfügt. Und wieder sticht ein Land extrem hervor: China. Nach der Einrichtung der ersten 30 bidirektionale Stationen in neun Metropolen wie Peking und Shanghai plant die Regierung bis 2027 insgesamt 5000 solcher Säulen zu errichten – neben den bestehenden rund 28 Millionen herkömmlichen.
Strom in Elektroautos für zig Millionen chinesische Haushalte
Bidirektionale Stromtechnik wird auch Vehicle-to-Grid-Technology genannt, auf deutsch: vom Fahrzeug zum Netz, oder kurz: V2G. Das Ausbauziel der chinesischen Regierung hat gigantische Folgen. Die weitere geplante breite Einführung von V2G könnte bis 2030 dank der dann erwarteten 100 Millionen Elektroautos (aktuell 40 Millionen) in China ein Stromspeichernetzwerk mit einer Kapazität von von 1000 Gigawattstunden schaffen. Das ist so viel Strom, wie ein sehr großes Kohlekraftwerk in 41 Tagen produziert oder genug, um rund 60 Millionen private Haushalte zwei Tage lang mit Strom zu versorgen. „China ist offensichtlich der globale Marktführer bei Elektrofahrzeugen, aber bei V2G steckt die Einführung noch in den Kinderschuhen“, so Alan Jenn, ein Elektroauto-Experte am Institute of Transportation Studies an der University of California in Davis nordöstlich von San Francisco. „V2G in China könnte sicherlich weiter vorangetrieben werden als in anderen Ländern, die Regierung ist viel eher bereit, groß angelegte Investitionen in einem ganz anderen Ausmaß zu tätigen als die meisten anderen Länder der Welt.“
Speicherkapazität in Deutschland homöapathisch winzig
Im Rest der Welt scheinen sich die Anbieter der V2G-Technik eher zu verheddern. 27 Länder versuchten sich bisher in mehr als 150 V2G-Projekten, darunter Japan, Südkorea, Großbritannien, den USA und auch Deutschland. Doch hohe Kosten und Regulierungen verhinderten den Durchbruch. Einen ganz aktuellen Schritt unternimmt jetzt die Bundesregierung durch die Änderung des Energiewirtschafts- und des Stromsteuergesetzes, die der Bundestag mit den Stimmen der schwarz-roten Koalition gerade verabschiedet hat. Dadurch werden Elektroautos nun wie Pumpspeicher oder stationäre Großspeicher behandelt und müssen für ihren rückgespeisten Strom nicht noch einmal ein Netzentgelt bezahlen. Die dadurch erhoffte Stromspeicherkapazität mit Hilfe der Elektroautos auf Basis der aktuell zugelassenen Fahrzeuge hier zu Lande erweist sich gegenüber China freilich als homoöpathisch winzig. Nach Schätzung des Münchner Ladestationenanbieters The Mobility House wird durch die Gesetzesänderung in Deutschland ein dezentrales Speichervermögen von rund 3,3 bis 5 Gigawattstunden erschlossen – ein Dreihundertstel bis ein Zweihundertstel des geplanten Wertes in China.
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