Träge Verbraucher stabilisieren das Netz

Träge Verbraucher wie Wärmepumpen oder Kühlgeräte können stundenweise abgeschaltet werden – ohne Einbußen an Komfort. In Kombination mit intelligenten Zählern könnten sie einen enormen Beitrag zur Netzstabilität leisten.

Wärmepumpe Träge Verbraucher wie Stromspeicher, Kühlgeräte oder Wärmepumpen können stundenweise abgeschaltet werden (Tim Reckmann/Pixelio.de)
Wärmepumpe Träge Verbraucher wie Stromspeicher oder Wärmepumpen dürfen auch mal pausieren, um das Netz stabil zu halten – ohne große Folgen für die Nutzer (Tim Reckmann/Pixelio.de)

Was haben sogenannte träge Verbraucher wie Wärmepumpen, Kühlgeräte und Autobatterien gemeinsam? Die Antwort ist einfach: Sie pausieren auch im Normalbetrieb immer wieder – mal länger, mal kürzer. Deshalb beeinträchtigen vorübergehende Abschaltungen nicht ihre Funktion. Wärmepumpen zum Beispiel können sich eine Auszeit von bis zu drei Stunden gönnen – ohne dass die Wohnung spürbar auskühlt. Ähnliches gilt für Autobatterien. Für E-Autofahrer ist es wichtig, dass der Akku des Stromers bei der Abfahrt voll ist. Ob der Ladevorgang zuvor stundenweise unterbrochen wurde oder auf kleinerer Flamme lief, interessiert nicht.

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Noch toleranter gegenüber Ladepausen sind stationäre Stromspeicher, wie sie vielfach in Kombination mit Solaranlagen zu finden sind. Sie könnten als ideale Puffer dienen – wenn sie zentral gesteuert werden.

Träge Verbraucher als Pufferkraftwerk

Selbst Aggregate von Kühlhäusern können tagelang den Betrieb einstellen. Bei Frosta in Bremerhafen beispielsweise laufen die Kühlmaschinen auf Hochtouren, wenn der Strom gerade billig ist. Dann werden die Fischstäbchen bis auf 38 Minusgrade herunter gekühlt. Wird der Strom wieder teurer, weil kein Wind weht und die Tage kurz und trübe sind, könnte der Tiefkühl-Produzent theoretisch die Kühlung bis zu einer Woche unterbrechen. Erst wenn die erlaubte Höchstemperatur von 18 Grad minus wieder erreicht wird, müssen die Kühlkompressoren wieder anlaufen. Das Kühlhaus dient so als Spardose und Energiespeicher. 

Auch Warmwasserspeicher könnten ihren Stromverbrauch auf die preislich günstigen Nachtstunden oder auf sonnige Mittagsstunden beschränken. Intelligente, träge Verbraucher helfen ihren Betreibern beim Sparen – und stabilisieren zusätzlich das Netz. Letzteres tut zunehmend Not. Denn mit wachsendem Anteil von Sonnen- und Windenergie ist die Stromversorgung instabiler geworden. Die Sonne scheint nun mal nicht dauernd und die Windstärken wechseln.

Dumme Zähler, starre Tarife

Das Problem: Es gibt für Privat- wie Industriekunden zu wenig Anreize zum Sparen. Intelligente Zähler, die auf die Preistäler oder drohende Netzinstabilität reagieren, sind in Deutschland nur bei rund drei Prozent der Kunden verbaut. In Finnland hingegen sind sämtliche Kunden mit Smart Metern versorgt. Auch in Frankreich sind dumme Zähler längst die Ausnahme. Hinzu kommt, dass die flexiblen Strompreise, die inzwischen auch in Deutschland existieren, tatsächlich wenig flexibel sind. Sie passen sich zwar an die Uhrzeit an, sind aber jeweils für ein ganzes Quartal einheitlich.

Vor allem fehlt es an regionalen Anpassungen, um die Netzwirklichkeit im Preis widerzuspiegeln. Die Preise an der Leipziger Strombörse bilden vor allem die Situation bei den Stromerzeugern wieder. Engpässe oder Überschüsse in den regionalen Netzen berücksichtigen sie nicht. Damit fallen zum Beispiel Anreize für die küsten- und windkraftfernen Bundesländer weg, sich stärker für die Wind- und Sonnenenergie zu engagieren.

Bayern bremst

Laut einer Studie europäischer Netzbetreiber sollte Deutschlands Strommarkt in fünf regionale Zonen aufgeteilt werden. „Lokale Preise sind notwendig, um Erzeuger, Speicher, Elektroautos, industrielle Flexibilitäten, Importe und Exporte zu koordinieren“, zitiert die linke Tageszeitung TAZ den Energie-Experten Lion Hirth von der Hertie School in Berlin.

Doch dagegen wehren sich vor allem Bayern und Baden-Württemberg, weil damit der Strom im Süden teurer würde. Denn die großen Windparks stehen im Norden. Und die Nord-Süd-Stromautobahn ist erst im Entstehen begriffen. Behindert wurde der Ausbau der Trassen durch die Politik der CSU, die sich seinerzeit populistisch auf die Seite fragwürdiger Bürgerinitiativen geschlagen hatte. Diese hatten für den Bau unterirdischer Hochspannungleitungen gekämpft – vor allem um der schönen Aussicht und der Grundstückspreise willen. Erdtrassen sind allerdings zehnmal so teuer wie herkömmliche Überlandleitungen. Inzwischen ist Bayerns Staatsregierung von ihrer ursprünglichen Haltung abgewichen und setzt sich beim weiteren Ausbau für oberirdische Leitungen ein.

Veraltertes Weltbild

Traurig, aber wenig erstaunlich: Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD bekennt sich ausdrücklich zur deutschlandweiten, einheitlichen Stromgebotzone nach dem Prinzip Kupferplatte. Obgleich in der Realtät die Kosten regional unterschiedlich ausfallen, suggeriert diese Preisgestaltung, dass der Strom bundesweit – wie auf einer Kupferplatte – frei zirkulieren könne.

Deutschlands Energiepoliker gehen dabei von einem veralterten Paradigma der Stromversorgung aus. Danach kann Netzstabilität nur von der Versorgerseite garantiert werden. Die mögliche Stabilisierung durch einen anpassungsfähigen Verbrauch dank zeit- und ortsflexibler Preise wird weitgehend vernachlässigt.

Haushalte und Industrie könnten jedoch durch flexible, marktgerechte Preise bis zu einem Drittel ihrer Stromkosten sparen. Die Versorger würden sogar Milliardenbeträge einsparen. Weil die Versorgung durch die Erneuerbaren schwankend ist, müssen die Kraftwerksbetreiber Reservekraftwerke vorhalten. Diese liefern nur oft nur wenige Stunden im Jahr Strom. Die Kosten für die Bereitschaftskraftwerke betrugen in Deutschland im vergangen Jahr 1,028 Milliarden Euro. Nach Schätzungen des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln wird der Ausbau von Reservekraftwerken bis zum Jahre 2030 bis zu 60 Milliarden Euro kosten. Die Hamburger Unternehmensberatung Aurora errechnete, dass Strom aus diesen Kapazitäten zehn Euro pro Kilowattstunde kostet.

Mehr: TAZ; Handelsblatt

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