Warum leben Frauen länger? Liegt es nur am Verhalten?

Bei den meisten Säugetieren leben die Weibchen länger als ihre männlichen Artgenossen. Hauptursache ist die Chromosom-Struktur. Aber Umweltfaktoren verstärken die Unterschiede in der Lebenserwartung.

Gorillamutter mit Jungem Leben Weibchen länger, weil sie ihren Nachwuchs pflegen? (© Martha Robbins)
Gorillamutter mit Jungem Leben Weibchen länger, weil sie ihren Nachwuchs pflegen? (© Martha Robbins)

Frauen werden – im Schnitt – älter als Männer. In Deutschland haben neugeborene Jungen heute eine Lebenserwartung von 78,6 Jahren, während Mädchen damit rechnen können, 83,4 Jahre alt zu werden. Dieses Muster gilt generell – ganz gleich für welche geschichtliche Epoche, ganz gleich für welches Land. Global gesehen leben Männern im Schnitt knapp 70 Jahre lang, Frauen 74 Jahre.

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In den entwickelten Ländern haben medizinische Fortschritte und die Angleichung der Lebensformen den Unterschied in der Lebenserwartung vermindert. Doch neue biologische Forschungen eines internationalen Teams unter der Leitung von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig lassen vermuten, dass die Unterschiede nicht so schnell verschwinden werden. Denn die Hauptursachen sind tief in der Evolution verwurzelt. Und sie sind bei vielen Säugetierarten zu beobachten. Die Untersuchung ist die umfassendste Studie, die bisher zu diesem Thema gemacht wurde.

Die Forscher verglichen die Lebenserwartungen nach Geschlecht von 1176 Säugetier- und Vogelarten. Ergebnis: Im Durchschnitt lebten weibliche Säugetiere 13 Prozent länger als die Männchen. Anders verhält es sich bei Vögeln: Die Männchen lebten etwa fünf Prozent länger als die Weibchen.

XX-Chromosomen verlängern Leben

Warum ist das so? Eine genetische Erklärung hierfür liefert die sogenannte heterogamete Geschlechtshypothese. Bei Säugetieren haben Weibchen zwei X-Chromosomen, während Männchen ein X- und ein Y-Chromosom besitzen. Dies macht sie zum heterogametischen Geschlecht. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass zwei X-Chromosomen Weibchen vor schädlichen Mutationen schützen und ihnen somit einen Überlebensvorteil verschaffen. Bei Vögeln verhält es sich jedoch umgekehrt: Hier sind die Weibchen das heterogametische Geschlecht. Die Folge: Bei 72 Prozent der 1176 untersuchten Säugetierarten hatten die Weibchen die höhere Lebenserwartung. Bei 68 Prozent der untersuchten Vogelarten hingegen lebten die Männchen länger.

Balzen tötet

Fatal für die Männchen ist zusätzlich der Balzstress. Die Studie stützt folgende Annahme: Polygame, männliche Säugetiere, die in starkem sexuellem Wettbewerb stehen, sterben früher als ihre weiblichen Pendants. Denn durch die Selektion per Partnerwahl entwickeln Männchen auffällige Merkmale, wie etwa auffallendes Haarkleid, mächtige Geweihe, Hörner und andere Waffen. Oder einfach Körpergröße. Diese Eigenschaften sind zwar bei der Werbung um Partnerinnen hilfreich, verkürzen aber häufig die Lebensdauer. Bei monogamen Arten sind die Unterschiede in der Lebenserwartung deutlich kleiner. Polygamie und mehr Körpervolumen führen hingegen zu kürzerem Leben für die männlichen Tiere.

Auch die Sorge für die lieben Kleinen spielt eine Rolle. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass die Lebensdauer des Geschlechtes, das die Aufzucht der Nachkommen übernimmt, meist länger ist. Bei Säugetieren sind oft die Weibchen zuständig. Vor allem bei langlebigen Primaten wie Schimpansen, Orang Uta, Gorilla oder Menschen wirkt hier eine Auslese: Weibchen müssen solange leben, bis die Nachkommen selbstständig sind.

Wohlstand gleicht Lebenserwartung an

Zivilisation und Fürsorge verringern die Unterschiede in der Lebenserwartung. Die Wissenschaftler untersuchten dazu Tiere im Zoo. Dort wirken sich die Umweltfaktoren weniger stark aus. Zoobewohner werden selten Opfer von Raubtieren. Auch Parasiten, Krankheiten oder knappe Nahrungsmittel spielen dank Pflege und Tiermedizin eine geringe Rolle. Wie beim Menschen vermindern bessere Lebensbedingungen die Unterschiede in der Lebenerwartung. Sie ebnen sie jedoch nicht ein.

Mehr: Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie Leipzig

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