Weltnaturgipfel: Friedensvertrag gegen das Artensterben

Auf dem Weltnaturgipfel ringt die Weltgemeinschaft um hehre Ziele: 30 Prozent der Land- und Meeresfläche will sie schützen. Städte spielen eine überraschende Rolle.

Weltnaturgipfel ringt um Lösungen, bedrohte Arten wie den Feuersalamander das Überleben zu sichern
Bedrohte Spezies Feuersalamander Schafft der Weltnaturgipfel den Durchbruch beim Schutz der Ökosysteme?
Bild: Sonja Rieck/Pixabay

Auf dem UN-Weltnaturgipfel im kanadischen Montreal stehen die Delegierten aus 190 Staaten vor einer großen Aufgabe. Sie sollen sich auf ein Abkommen einigen, das 30 Prozent der Land- und Meeresflächen unseres Planeten bis 2030 vor zerstörerischen Eingriffen des Menschen bewahrt. So hätte es UN-Generalsekretär António Guterres gern. Es wäre ein enormer Fortschritt gegenüber dem aktuellen Zustand. Momentan stehen nur 17 Prozent der Kontinente und zehn Prozent der maritimen Ökosysteme unter Naturschutz.

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Weltnaturgipfel soll acht Millionen Tier- und Pflanzenarten retten

Die Jahrhunderte währende Ausbeutung der Natur steuert auf einen neuen verheerenden Höhepunkt zu. Passiert nichts, droht einer Million der bekannten acht Millionen Tier- und Pflanzenarten die baldige Auslöschung. Das besagen aktuelle Schätzungen. In Deutschland stehen 37 Prozent aller Arten auf der roten Liste – vom Feuersalamander über Farne und Seeadler bis zu den Libellen. Vor allem in den armen Ländern des globalen Südens geht der Schwund wilder Arten mit Armut und Hunger einher.

“Orgie der Zerstörung”

Zum Auftakt der Konferenz festigte Guterres seinen Ruf als Meister markiger Ansagen. “Mit unserem grenzenlosen Appetit auf unkontrolliertes und ungleiches Wirtschaftswachstum ist die Menschheit zu einer Massenvernichtungswaffe geworden”, schleuderte er den Delegierten entgegen. Jetzt sei es an der Zeit, die “Orgie der Zerstörung” zu beenden und Frieden mit der Natur zu schließen.

UN-Generalsekretär António Guterres bei der Eröffnung des Weltnaturgipfels im kanadischen Montreal
“Die Menschheit benutzt die Natur wie eine Toilette” Markige Worte von UN-Generalsekretär António Guterres bei der Eröffnung des Weltnaturgipfels in Montreal Bild: United Nations

Der hemmungslose Raubzug tritt in vielerlei Gestalt auf. Als würde die Erderhitzung Fauna und Flora nicht schon genug zusetzen, vermüllt der Homo sapiens die Natur zusätzlich mit Plastik aller Art. Und selbst gut gemeinte Aktionen wie der Umstieg von Gas auf Holz als Heizmaterial erweisen sich bei näherer Betrachtung als umweltzerstörerisch.

“Mit unserem grenzenlosen Appetit auf unkontrolliertes und ungleiches Wirtschaftswachstum ist die Menschheit zu einer Massenvernichtungswaffe geworden”

António Guterres, UN-Generalsekretär

Inzwischen halten zum Beispiel rund 1,1 Millionen deutsche Haushalte ihre Stuben mit dem Verheizen von Pellets und Hackschnitzeln warm. Das schadet zum einen dem Klima. Denn um die gleiche Menge Wärmeenergie zu gewinnen, entsteht bei der Verbrennung von Holz mehr Kohlendioxid (CO2) als bei der Verwendung von Erdgas. Darauf weist der Biologe Pierre Ibisch von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung im brandenburgischen Eberswalde hin.

Für Feuerholz fallen woanders die Wälder

Zum anderen würden Forstbetriebe in Nordamerika und anderswo Wälder in Holzplantagen umwidmen, um den lodernden Brennholzhunger an Rhein und Elbe zu sättigen, mahnt Ibisch. “Die werden per Kahlschlag abgeerntet”, kritisiert der Wissenschaftler. Der weite Transport nach Europa sei ein zusätzlicher Umweltfrevel.

Um ausreichend Rückzugsräume zu schaffen, in denen sich die Bestände an Pflanzen und Tiere erholen können, ist also zurück zur Natur das Gebot der Stunde. Und dafür sind nicht nur abgelegene Gebiete geeignet. Vielmehr können die urbanen Zentren dieser Welt dabei ein Schlüsselrolle übernehmen.

In New York leben mehr Tiere als im Yellowstone Park

Legen die Stadtplaner ausreichend grüne Oasen an, erobern Vögel, Insekten und Wildtiere diese Räume rasch. So sind in der 8,4-Millionen-Einwohnerstadt New York City mehr Pflanzen und Tiere heimisch als im berühmten Yellowstone Park.

Auch das Ausweisen von Naturschutzgebieten vor den Toren solcher Metropolen erweist sich gleich in mehrfacher Hinsicht als sinnvoll. Ein solches entsteht keine Stunde Autofahrt entfernt nördlich von New York an der Grenze zum Bundesstaat Conneticut. Es wird nicht nur zum Refugium für Wildblumen, seltene Farne und die berühmte Hemlock-Tanne. Das geschützte Areal sichert auch die Trinkwasserversorgung der New Yorker, bietet ihnen Freizeitvergnügen wie Wandern und Langlauf und filtert Schadstoffe.

Grüne Korridore gegen Hitzeschlag

“Das Schutzgebiet ist ein ländlicher Ruhepol in einem urbanen Ozean”, sagt Nathan Ermer, Naturschutzbeauftragter des Staates New York.

Eine grüne Stadtentwicklung wahrt aber nicht nur Artenvielfalt. Sie mildert auch die Folgen der Erderwärmung. Ob in Singapur, dem chinesischen Wuhan, in Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone oder im australischen Melbourne – viele Metropolen renaturieren Flussufer und legen grüne Korridore an, um die sommerlichen Temperaturen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Die Baumkronen spenden Schatten und kühlen mit ihrer Verdunstungskälte die Luft. Der Erdboden saugt bei Starkregen einen Großteil der Wassermassen auf und verhindert so überflutete Keller und Straßen (siehe Video unten).

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Initiative C40 Cities Warum es wichtig ist, möglichst viel Natur in der Stadt zu erhalten

Mark Watts, Geschäftsführer von C40, einem Netzwerk von Bürgermeistern aus fast 100 Großstädten weltweit, resümiert die Vorzüge eines Bündnisses mit der Natur. Es steigere die Lebensqualität der Bewohner, mildere die Klimakrise und fördere die Biodiversität. Seine Prognose: “Die Zukunft der Städte ist grün.”

Mehr: cbsnews ntv fws-gov C40org

Dieter Dürand

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