Das himmelschreiende Elend afrikanischer Helfer bei der Beerenernte in Südspanien

Ein großer Teil der Brombeeren, Himbeeren und Heidelbeeren in Deutschland kommt aus der südspanischen Provinz Huelva – und wird ohne Rücksicht auf Mensch und Natur angebaut und geerntet.

Erntehelfer aus Nordafrika in Palos de la Frontera in der südspanischen Provinze Huelva: Ständige Angst vor dem Feuer (Foto: Pepa Suarez)

In der Provinz Huelva in Südspanien gibt es nicht viel Wasser, aber viel Sonne. Trotzdem ist hier Europas Beeren-Produktion angesiedelt, von Heidel- bis Erdbeeren gibt es zwischen Sevilla und Jérez fast alles. Direkt neben dem Naturpark Doñana gibt es viele Züchter, die nicht nur illegal das Grundwasser des Vogelparadies anzapfen, sondern auch Migranten ausbeuten auf dem Feld. Seit Jahrzehnten versuchen Aktivisten auf das Problem aufmerksam zu machen. Die nicht-spanische Presse hat des öfteren darüber geschrieben, aber bisher hat sich wenig geändert. Da jedoch viele der roten Beeren nach Deutschland exportiert werden, wo sie dann bei Aldi und Edeka ausliegen, werden diese Lieferketten in diesem Jahr unter einer immer strengeren europäischen Beobachtung liegen. Vielleicht sind die Tage für die Billig-Produktion im Süden auf Kosten von Boden und Menschen dann irgendwann einmal gezählt – und auch Ereignisse wie diese in einem Ort in der Provinz Huelva.

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Gewalttätige zünden Hütten an

Wieder einmal streifen marokkanische Saisonarbeiter durch die Straßen. Verzweifelt suchen sie nach einer Unterkunft, aber sie finden keine außer einer heruntergekommenen Hütte. Aber das ist gefährlich. Mehrmals wurden solche Hütten von Gewalttätigen angezündet. Es brannte dort 2016, 2018 und 2021.

Feuer ist Teil des Lebens

Lamine kann davon erzählen. Er kam vor vier Jahren nach Spanien, hat aber immer noch keine Papiere. „Ohne Arbeitsvertrag vermietet mir keiner eine Wohnung”, sagt er. Feuer ist zu einem Teil des täglichen Lebens von ausländischen Hilfskräften in der Provinz Huelva geworden, so sehr, dass sie ständig Angst haben, zu sterben. Alba etwa kommt aus Äquatorial-Guinea. Seine Hütte stand vor kurzem in Flammen. Im Schlafanzug und mit einer Tasse Kaffee in der Hand gibt er seinen Kollegen nun Anweisungen, die ihm beim Wiederaufbau seiner primitiven Unterkunft helfen. „Man muss vorne und hinten eine Tür haben, um beim nächsten Feuer eine bessere Flucht-Chance zu haben”, sagt er.

HIlfsorganisationen überfordert

Das vorige Feuer, das Alba und Lamine überlebten, breitete sich rasend schnell zwischen leicht entzündlichen Materialien wie Pappe, Kunststoff und Paletten aus. Decken, Matratzen, Kleidung, Küchenutensilien, sogar Geld und die wertvollen Ausweispapiere wurden innerhalb kürzester Zeit von Flammen erfasst. Trotz des Unglücks blieb ihnen keine Zeit für Trauer, auch wenn alles verloren ging. Ihr Überlebensinstinkt siegte über ihren Schmerz und mit ihm der Kampf um die Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse. Die Ressourcen der Hilfsorganisation Caritas in Huelva reichen nach eigenen Aussagen nicht aus, um in diesem Drama ausreichend Unterstützung zu leisten. „Wenn meine Mutter wüsste, dass ich beinahe lebendig verbrannt wäre. Ich war ein Narr hierhin zu kommen. Ich bereue es,“ sagt Yousef El Halili, der seit mehr als zweieinhalb Jahren in Spanien lebt. 

Von Grundstücksbesitzern vertrieben

Hamid hat die Meeresenge zwischen Marokko und Gibraltar zweimal mit dem Boot überquert und arbeitet seitdem überall in Spanien in der Landwirtschaft. Seit acht Jahren ist er im Land. Er gehört zu den Glücklichen, die eine Arbeitserlaubnis haben. 2020 kam er zum ersten Mal nach Huelva. „Ich habe auf einem Bauernhof in Moguer gearbeitet. Beim ersten Mal hat mir der Bauer noch ein Zimmer angeboten“, erinnert er sich. Aber 2021 hatte er kein solches Glück. Ein Hilfsverein hat ihm ein Zelt, Matratzen und Decken gespendet, als die Mitglieder sahen, dass er ständig unter freiem Himmel schlief. Er und seine Lager-Kollegen wurden bereits mehrmals von Grundstück-Besitzern vertrieben. Die Armen aus Afrika sollen arbeiten, bekommen aber kein Dach über dem Kopf.  

Bedarf an Erntekräften, aber keine Unterkünfte

Der Multikulturelle Verband des Dorfes Mazagón klagt deswegen den Stadtrat im benachbarten Palos de la Frontera an, eine Mitschuld an den dortigen Feuern zu tragen. In einer Erklärung verurteilte der Hilfsverein “die obszöne Unfähigkeit“, den Saisonarbeitern Wohnraum zu vermitteln. Der sogenannte Integrationstisch der Region, bei dem acht Gruppen mitwirken, darunter die katholische Cáritas und die andalusische Menschenrechtsorganisation APDHA, hat 2018 eine Studie verfasst. Ihr zufolge liegt das Problem für temporäre Einwanderer nicht darin, dass sie keine Papiere haben. 74 Prozent verfügen über ordnungsgemäße Dokumente. Schuld an ihrer teilweise elenden Situation sind die Schattenwirtschaft und die sehr kurzfristigen Arbeitsverträge. Sie erschweren ihnen den Zugang zu Wohnraum, so die Studie. Landwirtschaftliche Organisationen schätzen den Bedarf an Arbeitskräften bei der Ernte der roten Beeren in Spanien auf 80 000 bis 90 000 Personen.

Pandemie verschärft Probleme

Mohamed ist wütend. Er ist erst seit sehr kurzer Zeit in der Hütten-Siedlung in Palos de la Frontera. Vorher war er in Barcelona, ​​wo er mit Jobs im Baugewerbe versuchte, zu überleben. Seit Beginn der Pandemie ist es für ihn sehr schwierig, Arbeit zu finden. Er beschloss mit einigen Freunden, alle aus dem Senegal, nach Palos zu gehen, um Erdbeeren zu pflücken. „Ich hätte nie gedacht, dass Menschen in Europa so leben“, sagt er geschockt. Seit dem Brand kann er seine Eltern nicht mehr anrufen. „Wir alle, die wir hier sind, wollen arbeiten. Ich habe studiert, weil mein Vater wollte, dass ich studiere. Mein ganzes Leben habe ich studiert und schau, wo ich gelandet bin, Scheiße“, sagt er und entschuldigt sich für die Ausdrucksweise. „Wir wollen nur ein normales Leben führen.“

Im Original auf Spanisch von Pepa Suárez, in ähnlicher Form erschienen in der andalusischen Tageszeitung „El Salto“, ins Deutsche übersetzt und angepasst von Stefanie Claudia Müller. 

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