Wie wir unser Überleben sichern

Exklusiv für Greenspotting-Leser zeigt der renommierte Wissenschaftsautor Ulrich Eberl Lösungen für die Klimakrise auf – und verdichtet sie zu einer Überlebensformel.

Biophysiker und Zukunftsforscher Eberl Ein Buch, das Hoffnung wecken soll

Ob dieses Jubiläum 2022 wohl gefeiert wird? 50 Jahre ist es her, dass Eugene Cernan aus seinem Elektromobil kletterte und als letzter Mensch, der einen fremden Himmelskörper besuchte, die Heimreise antrat. „Wir waren aufgebrochen, den Mond zu erkunden und entdeckten die Erde“ ist ein berühmtes Zitat der Astronauten, als sie vom Mond aus die fragile, blaue Murmel fotografierten, die alles Leben beherbergt, das wir kennen. Dieser berührende Moment hätte der Startpunkt sein können für nachhaltigeres Wirtschaften und Umweltschutz auf unserem Planeten.

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Doch das Gegenteil war der Fall. Genau zur Zeit der Mondlandungen überstieg der ökologische Fußabdruck des Menschen erstmals die Biokapazität der Erde. Machen wir so weiter wie bisher, bräuchten wir 2050 schon drei Erden. Seit 1970 hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt, der Welthandel verzehnfacht, die Herstellung von Kunststoffen verzwanzigfacht. Heute blasen wir jedes Jahr doppelt so viele Treibhausgase in die Luft wie vor 50 Jahren. Noch schlimmer ist nur das Artensterben: Zwei Drittel aller wilden Wirbeltiere – Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien, Amphibien – sind seit damals von der Erde verschwunden.

Die Formel zum Überleben

Dabei gilt: Klimawandel und Artensterben, Konsumexplosion und Plastikmüll, Welternährung und Pandemien – viele Umweltkrisen sind miteinander verknüpft und erfordern schnelles Handeln. Die gute Nachricht: Es gibt Hoffnung! Ein Großteil der Lösungen existiert bereits, wir haben unsere Überlebensformel selbst in der Hand.  

Allerdings: Jetzt, im Jahre 2022, werden viele Umweltkrisen auch politisch gefährlich. Infolge des Ukrainekriegs steht die sichere Energieversorgung Europas auf der Kippe. In manchen Ländern Afrikas und Asiens drohen Hungersnöte, weil Getreideexporte aus den ukrainischen Häfen blockiert werden. Mehr noch: In China, das auch die harmlosere, aber ansteckendere Omikron-Variante des Coronavirus durch scharfe Lockdowns in den Griff bekommen will, stauen sich Containerschiffe und brechen Lieferketten. Die Gespenster von Inflation und Rezession rasen um den Globus, Populisten und Nationalisten gewinnen an Boden. Und die Klimakrise wird akuter denn je, weil wir schon in den nächsten fünf Jahren die 1,5-Grad-Celsius-Marke auf der Fieberkurve der Erde reißen könnten.

Das Ende des Karbon-Energydrinks

Was zu tun ist, wissen wir eigentlich längst. Vor allem müssen wir sämtliche Bereiche der Weltwirtschaft grundlegend umgestalten – weg vom Karbon-Energydrink: Wir müssen Energie gewinnen ohne Kohle, mobil sein ohne Öl, heizen ohne Erdgas, bauen ohne Beton, wirtschaften ohne Müll, denken in Kreisläufen und uns nachhaltiger ernähren. Kurz: Leben mit der Natur, nicht gegen sie. Das sind enorme Herausforderungen, doch es ist keineswegs unmöglich. Die meisten Lösungen kennen wir bereits und sie sind auch ökonomisch sinnvoll umzusetzen. Welche Hebel das sind und wie sie effektiv genutzt werden können, beschreibe ich in meinem aktuellen Buch: Unsere Überlebensformel. Neun globale Krisen und die Lösungen der Wissenschaft.

So ist Strom aus Wind und Sonne bereits billiger als der aus Kohle, in manchen Weltregionen sogar um einen Faktor zehn. In Deutschland lässt sich eine Kilowattstunde (kWh) Solarstrom für vier bis zehn Cent produzieren, in Portugal und den Vereinigten Arabischen Emiraten sogar für einen Cent. Bei Kohlestrom liegen die Stromgestehungskosten hingegen bei fünf bis elf Cent – Tendenz weiter steigend, weil im Emissionshandel der Preis für jede emittierte Tonne Kohlendioxid (CO2) stetig nach oben klettern wird. Und das sind nur die reinen Erzeugerkosten; die Umweltbelastungen durch Kohleabbau oder Luftverschmutzung sind hier nicht einmal eingerechnet.

China will weit mehr Erneuerbare zubauen als die EU besitzt

Da Solar- und Windstrom inzwischen also wirtschaftlich absolut wettbewerbsfähig ist, machen solche Anlagen heute weltweit 70 Prozent aller neu installierten Kraftwerksleistung aus. Im Frühjahr 2022 hat China angekündigt, bis 2030 in seinen Wüstengegenden rund 450 Gigawatt (GW) an Wind- und Solarparks zu bauen – das wären fast 60 Prozent mehr, als die gesamte EU besitzt. Doch auch hierzulande gibt es noch erhebliches Potenzial: Allein auf deutschen Dächern könnten Solarmodule mit mindestens 200 GW zusätzlich Platz finden. Ähnlich viel Solarstrom ließe sich mit Agri-Photovoltaik ernten, einer Kombination aus Landwirtschaft und Energieerzeugung. Denn unter schräg stehenden Solarflächen kann man problemlos bestimmte Gemüse oder Kartoffeln anpflanzen oder Tiere weiden lassen. Mehr noch: Solar- und Windanlagen sind auch ideal für Länder ohne gute Energienetze – und sie machen immun gegen Staaten, die andere mit ihren Kohle-, Öl- und Gasexporten zu erpressen versuchen.  

Ähnlich wichtig ist die Tatsache, dass auch die Elektromobilität weltweit vor dem Durchbruch steht. Vor allem weil die Kosten für die Akkus seit 2010 um 90 Prozent gesunken sind. Die Folge: Leistungsfähige Batterien können nun zu vertretbaren Preisen eingebaut werden, die Reichweite der E-Autos liegt bei vollem Akku bei 400 bis 600 Kilometer. Mit Schnellladesystemen lässt sich zudem in einer Viertelstunde Strom für 300 Kilometer nachladen. Die Unternehmen der Autoindustrie überbieten sich geradezu mit Ankündigungen, wer zuerst aus Benzin- und Dieselfahrzeugen aussteigt. Und viele Regionen, einschließlich die EU und Kalifornien, wollen ab 2035 keine Autos mit fossil befeuerten Verbrennungsmotoren mehr neu zulassen.

Mit zwei Hebeln die fossilen Klimagase um zwei Drittel senken

Diese beiden Entwicklungen sind die mächtigsten Hebel im Kampf gegen den Klimawandel. Ihr Potenzial zeigt eine einfache Rechnung: Wenn wir weltweit alle fossilen Kraftwerke durch Wind- und Solarstrom und die Verbrennungsmotoren durch Elektroantriebe ersetzen, dann senken wir die CO2-Emissionen aus Kohle, Gas und Öl um knapp zwei Drittel. Das heißt um bis zu 23 Milliarden Tonnen pro Jahr. Allein das macht 42 Prozent aller Treibhausgase aus (also einschließlich Zementindustrie, Rodungen, Methan und Lachgas), die die Menschheit jedes Jahr in die Luft bläst.

Schaubild: Die mächtigsten Hebel zum Überleben der Menschheit
Übersicht Die mächstigsten Hebel für die Rettung unseres Planeten Bild: Ulrich Eberl

Auch grüner Wasserstoff – produziert mit Hilfe von überschüssigem Wind- und Solarstrom durch die Elektrolyse von Wasser – ist inzwischen auf gutem Wege. Noch ist er zwar rund doppelt so teuer wie Wasserstoff aus Erdgas, aber bis 2030 dürfte er mindestens auf gleichem Niveau liegen. Grüner Wasserstoff ist nicht nur wichtig, um Wind- und Solarstrom langfristig speichern zu können, sondern auch, um Schwerlaster, Schiffe, Flugzeuge und sogar die Stahl- und Chemieindustrie auf eine „grüne Schiene“ zu setzen. So fahren in der Schweiz bereits schwere Lkw, die dank Brennstoffzellen mit 32 Kilogramm Wasserstoff rund 400 Kilometer weit kommen. Mit Wasserstoff kann zudem bei der Stahlerzeugung die Kohle ersetzt werden. Und zusammen mit CO2 lassen sich Methanol und synthetische Kraftstoffe erzeugen – womit dann wieder Schiffe und Flugzeuge betankt werden können.

Eine grüne Chemie- und Stahlindustrie

Aus solchen Stoffen können schließlich alle Plattformchemikalien hergestellt werden, die die organische Chemie benötigt. Auf dem Feld der anorganischen Chemie lässt sich auch Ammoniak mit Hilfe von grünem Wasserstoff gewinnen. Klimaneutrale Chemieunternehmen sind daher in Zukunft ebenso in Reichweite wie eine grüne Stahlindustrie, eine Energieversorgung ohne Treibhausgase, Mobilität ohne Emissionen sowie Plusenergie-Häuser mit Solarzellen auf dem Dach, Batterien im Keller und Wärmepumpen zur Heizung. Selbst Pilotprojekte für eine umweltfreundlichere Zementindustrie gibt es bereits. Dabei wird der Sauerstoff aus der Elektrolyse für die Brennöfen genutzt und der Wasserstoff, um aus dem CO2-Abgas der Öfen zusätzlich synthetische Kraftstoffe herzustellen.  

Hochhäuser aus Holz

Häuser müssen auch keineswegs nur mit Zement und Beton gebaut werden. Seit drei Jahren stehen in Wien und im norwegischen Brumunddal über 80 Meter hohe Holzhochhäuser mit integrierten Hotels, Restaurants und Büros. In Hamburg, Düsseldorf, London und Sydney sind ähnliche Gebäude in Bau. Häuser mit viel Holz bieten nicht nur ein gesundheitsförderndes Raumklima – sie sind auch 60 Prozent leichter, was die Transporte einfacher macht und bei den Fundamenten eine Menge Beton einspart. Zwei oft gehörte Einwände lassen sich leicht entkräften: Im Brandfall verkohlen bei modernen Holzbauteilen nur die Oberflächen, Holz leitet Wärme schlecht und bleibt lange fest und formstabil. Und ja, es gibt genügend Holz. Allein die in Deutschland pro Jahr eingeschlagene Schnittholzmenge würde für fünfmal mehr Wohnungen reichen, als hierzulande jährlich neu errichtet werden.

Der Gewinn für die Umwelt wäre jedenfalls enorm: Würde weltweit ein Viertel des verbauten Betons durch Holz aus nachhaltigem Anbau ersetzt, könnte man allein dadurch jedes Jahr fast so viel an Klimagasen sparen, wie ganz Deutschland derzeit emittiert. Mehr noch: Jeder Kubikmeter Holz bindet etwa eine Tonne CO2 in Form von Kohlenstoff. Das wären, global gesehen, Milliarden Tonnen an Klimagasen, die über Jahrzehnte der Atmosphäre entzogen wären – solange die Gebäude stehen. Für Deutschland besonders sinnvoll ist auch die Sanierung der besonders ineffizienten alten Häuser, die vor 1978 gebaut wurden. Allein dies würde schon die Hälfte aller wärmebedingten Gebäudeemissionen einsparen und zugleich so viel an Heizkosten, dass sich die Sanierungen oft auch wirtschaftlich rechnen.

Müll behandeln spart mehr Klimagase, als Deutschland ausstößt

Viele der Lösungen für eine nachhaltige Zukunft, die ich im Buch beschreibe, sind nicht nur ökologisch und ökonomisch von Vorteil, sondern Win-Win-Konzepte in mehrfacher Hinsicht. Nehmen wir nur die offenen, unbewachten Müllkippen, die es vor allem in ärmeren, aber bevölkerungsreichen Ländern Afrikas und Südostasiens gibt. Die organischen Abfälle, die hier über die Hälfte des entsorgten Materials ausmachen, zersetzen sich zu Methan, dem 28-mal stärkeren Treibhausgas im Vergleich zu CO2. Mit einer geordneten Sammlung und Behandlung der Abfälle, ähnlich wie in Europa, würden daher nicht nur Giftstoffe und Plastikmüll drastisch verringert, sondern zugleich pro Jahr mehr Klimagase eingespart, als Deutschland in die Luft bläst.

Ein Stopp von Rodungen und Waldbränden, insbesondere in den Tropen, würde nicht nur jährlich fünf bis sechs Milliarden Tonnen an Klimagasen sparen, sondern auch viele Tier- und Pflanzenarten retten – und hoffentlich die Regenwälder vor dem Kipppunkt bewahren, so dass sie nicht zu Savannen werden. Ähnlich wichtig ist die Wiedervernässung trockener Feuchtgebiete, die ebenfalls ein Refugium für seltene Tier- und Pflanzenarten sind: Pro Hektar binden sie im Mittel dreimal mehr CO2 als Wälder. Würden alle trockengelegten Moore wieder zu Feuchtgebieten, würden 1,8 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr aus der Luft geholt – das ist rund die Hälfte aller Treibhausgase der EU.

Rinder: klimaschädlicher als der Betrieb aller Pkws

Ein weiterer Hebel, der ebenfalls zur Lösung gleich mehrerer Krisen beitragen kann, ist die Verringerung unseres Fleischkonsums, vor allem von Rindern. Jedes Rind stößt durch das Rülpsen von Methan im Jahr genauso viele Treibhausgase aus wie ein durchschnittlicher, benzingetriebener Mittelklasse-Pkw. Da es weltweit neben 1,2 Milliarden Pkw rund 1,4 Milliarden Rinder gibt, wäre eine Halbierung des Rindfleischkonsums klimawirksamer als die Abschaffung jedes zweiten Pkw. Mehr noch: Wenn man die Abholzung der Wälder für Weiden und Futter – etwa für die Sojapflanzen – mit einberechnet, ließen sich erhebliche weitere Emissionen vermeiden und zudem Ökosysteme schützen. Es ist ja kaum zu glauben: Direkt und indirekt werden für die Fleischindustrie (Rinder, Schweine, Geflügel) weltweit 80 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche gebraucht. Wer sich pflanzlich ernährt, Fleischersatzprodukte wählt oder nur manchmal zu hochwertigem Biofleisch greift, tut also viel für den Klimaschutz und eine nachhaltige Landwirtschaft.

Chancen für innovative Unternehmen und Finanzinvestoren

Diese Beispiele zeigen, dass viele der Krisen miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen – aber eben auch viele der Lösungen. So wichtig die Klimapolitik ist, man darf sie nicht losgelöst sehen von den Fragen des Erhalts der Ökosysteme und der Artenvielfalt oder der Energie- und Nahrungsmittelsicherheit und der Müllproblematik. Ein entscheidender Faktor für Veränderungen sind auch die Finanzmärkte. Wenn Großinvestoren massiv Gelder aus riskanten Anlagen – wie fossil befeuerte Kraftwerke – abziehen und stattdessen in erneuerbare Energien, Umweltschutz und Kreislaufwirtschaft investieren, beschleunigt dies den Wandel enorm.

Innovative Unternehmen sind schnell dabei, wenn es gilt, neue Märkte zu erschließen. Der Druck, dies zu tun, kommt von Aktionären, Kunden, Partnern, Wettbewerbern, gesellschaftlichen Gruppen und den eigenen Mitarbeitern, die für ihre Arbeit einen Nutzen für Gesellschaft und Umwelt fordern. Und natürlich hat auch die Politik einen starken Einfluss: Durch Anreize und Regeln, Fördern und Fordern, vor allem aber über die Bepreisung von CO2 kann sie die Entwicklung steuern, die richtigen Rahmenbedingungen setzen und zugleich soziale Härten abfedern.

Russland könnte 400 Millionen Menschen zusätzlich ernähren

Ohne globale Kooperation wird der Wandel allerdings nicht gelingen. Schwierige Fragen können nur gemeinsam gelöst werden – etwa, wie man Staaten dazu bringt, den Raubbau der Tropenwälder zu beenden. Oder ihre fossilen Schätze im Boden zu belassen, statt noch schnell möglichst viel Geld damit zu verdienen. In Russland liegen beispielsweise rund 20 Millionen Hektar Ackerland brach. Das riesige Land könnte damit etwa 400 Millionen Menschen zusätzlich ernähren. Ein Präsident, der das Beste für sein Volk will, hätte hier einen exzellenten Ansatzpunkt, um für die Zeit nach Kohle, Öl und Gas vorzusorgen. Die Welt ernähren statt sie niederbrennen, wäre der richtige Weg.

Geschlossene Schlagbäume, Vergeltungszölle, Boykotte, Wirtschaftskriege oder gar militärische Konflikte verschärfen nur die Probleme. Wir sind in dieser einen Welt alle miteinander verbunden – nur wenn wir die Egoismen überwinden, wenn wir zusammenarbeiten statt uns in Konflikten aufzureiben, werden wir alle besser leben: umweltbewusster, stressfreier, gesünder und im Einklang mit der Natur, nicht gegen sie. Wir kennen alle wesentlichen Hebel, wir haben unsere Überlebensformel selbst in der Hand.

In Kürze folgt ein Interview mit Ulrich Eberl über die gesellschaftliche Umsetzbarkeit seiner Überlebensformel
Ulrich Eberls Formel vom Überleben unseres Planeten

Ulrich Eberl

Eberl, Jahrgang 1962, promovierte an der TU München in Biophysik, Der gebürtige Regensburger arbeitete einige Jahre bei Daimler und leitete 20 Jahre die Kommunikation über Forschung, Innovation und Zukunftstrends bei Siemens. Seit 2016 ist er als selbstständiger Zukunftsforscher, Buchautor und Vortragsredner tätig. Weitere Veröffentlichungen: Zukunft 2050 und Smarte Maschinen: Wie künstliche Intelligenz unser Leben verändert.

: http://www.zukunft2050.wordpress.com

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