Politik zu zögerlich bei Wasserstoff-Revolution

Wasserstoff gilt als zentraler Baustein der Energiewende. Doch der Umstieg auf den Hoffnungsträger kommt kaum voran, zeigt eine neue Studie.

Grafik: Entwicklung der globalen Produktion von Wasserstoff bis 2050
Globale Produktion von Wasserstoff für Energiezwecke bis 2050 Es geht viel zu langsam voran Grafik: DNV

Experten sind sich einig: Die als kritisch eingestufte Erderwärmung um 1,5 Grad Celsius rückt rasch näher. Soll die Katastrophe noch abgewendet werden, verträgt die umgehende Dekarbonisierung der Energieversorgung keinen Aufschub mehr. Nur auf diesem Weg lassen sich die globalen CO2-Emissionen im notwendigen Umfang einbremsen. Neben dem Ausbau von Wind- und Sonnenkraft fällt klimaneutral hergestelltem Wasserstoff als zentralem Energieträger und Rohstoff der Zukunft eine Schlüsselrolle zu.

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Grüner Wasserstoff für Schiffe und Flugzeuge

Doch weltweit legen sich die Regierungen viel zu wenig ins Zeug, um Produktions- und Transportkapazitäten aufzubauen. Kritisiert ein aktueller Report des unabhängigen norwegischen Versicherungs- und Risikomanagementanbieters DNV. Vorstandschef Remi Eriksen findet klare Worte: “Wasserstoff ist entscheiden um Sektoren wie Flugverkehr, Schifffahrt und Hochtemperatur-Industrien, die nicht elektrifiziert werden können, zu dekarbonisieren”, führt er aus und ergänzt. “Die bisherigen staatlichen Maßnahmen werden dieser Bedeutung nicht gerecht.”

Die Folge: Legt die Politik nicht schleunigst den Schalter um, würde Wasserstoff – chemisches Kürzel H – Ende des Jahrzehnts gerade einmal ein halbes Prozent zum globalen Energiemix beitragen. Bis 2050 stiege der Anteil auf magere fünf Prozent. Viel zu wenig, um den Klimawandel aufzuhalten. Immerhin gewinnt der rein grün, mit Erneuerbaren erzeugt Wasserstoff an Boden (siehe Grafik oben).

Rund 7,5 Billiarden US-Dollar Investitionen notwendig

Allerdings müsse die weltweit installierte Leistung von Solar- und Windkraftwerken dazu gegenüber heute mehr als verdoppelt werden, schreiben die DNV-Autoren in ihrer Projektion. Allein um die benötigte Kapazität an Elektrolyse-Anlagen von weltweit 3100 Gigawatt (GW) mit sauberem Strom versorgen zu können. Die Anlagen spalten Wasser elektrisch in Wasser- und Sauerstoff auf.

Um sie anzuschaffen sowie Pipelines, Speicher und Verlade-Terminals anzulegen, sind gigantische Investitionen notwendig. Laut DNV summa summarum rund 7,5 Billiarden US-Dollar.

Der größte Teil des Wasserstoffs kommt dem Szenario zufolge beispielsweise in der Stahl- und Zementindustrie sowie im Transportsektor zum Einsatz. Fürs Heizen oder die Stromgewinnung wird das Element H indes nur eine untergeordnete Rolle spielen (siehe Grafik unten).

Welche Sektoren Wasserstoff weltweit nachfragen
Welche Sektoren Wasserstoff nachfragen Industrie und Transport haben die Nase vorn Grafik: DNV

DNV-Chef Eriksen sieht Europa in der Führungsposition bei der Wasserstoff-Revolution. Ihr Gelingen stelle die Politik vor große Herausforderungen und erfordere Mut, mahnt er. “Das Hochfahren benötigt gesellschaftliche Akzeptanz und einen sorgsamen Umgang mit den Risiken. Und das Vorgehen muss bezahlbar und insbesondere grüner Wasserstoff wettbewerbsfähig sein.” Prognosen zufolge könnte dies schon im Jahr 2030 der Fall sein.

Aufbruch in der schleswig-holsteinischen Geest

Erste Projekte sind hier zu Lande auf dem Weg – vorangetrieben beispielsweise von den Stromkonzernen RWE und Eon und der VW-Tochter MAN. Besonderen Ehrgeiz legt auch die Erdöl-Raffinerie Heide im gleichnamigen schleswig-holsteinischen Städtchen im Kreis Dithmarschen an den Tag. Das berichtet der Norddeutsche Rundfunk (NDR).

Erdöl-Raffinerie Heide (Luftbild) wird zum Reallabor für grünen Wasserstoff umgebaut
Raffinerie Heide Hemmingstedt Umbau zum Reallabor für Wasserstoff-Gewinnung Bild: Raffinerie Heide

Unter dem Namen Westküste 100 erproben die Ingenieure des Unternehmens in einer Art Reallabor, wie sich Wasserstoff unter hiesigen Bedingungen wirtschaftlich im großen Stil produzieren lässt. Los geht es mit kleinen Mengen, berichtet Koordinatorin Sandra Niebler. Die Pilotanlage wird auf eine Kapazität von 30 Megawatt (MW) ausgelegt – immerhin zehn mehr als die derzeit größte europäische Anlage für grünen Wasserstoff in Spanien aufbietet.

Höhere Ausnutzung von Windstrom

In der Endstufe sollen in fünf Jahren 700 MW dazu kommen. Nieblers Berechnungen zufolge verschont der saubere Brennstoff das Klima immerhin um eine Million Tonnen CO2 im Jahr. Diese Menge des Treibhausgases setzen aktuell 85 000 Bundesbürger jährlich frei.

Positiver Nebeneffekt. Momentan müssen Betreiber in Schleswig-Holstein immer mal wieder ihre Mühlen abschalten, wenn der Windstrom die Aufnahmefähigkeit der örtlichen Stromnetze übersteigt. Elektrolyse-Anlagen wie in Heide sind in Zukunft ein dankbarer Abnehmer für den Grünstrom.

Mehr: DNV NDR

Dieter Dürand

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