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Kühlspezialist Va-q-tec plant Verdopplung des Umsatzes mit Energiespartechnik in fünf Jahren

Das Würzburger Unternehmen Va-q-tec wurde weltweit berühmt durch seine Kühlboxen für Corona-Impfstoffe. Einen weiteren Umsatzsprung soll die Isoliertechnik bringen, die Energie spart und so indirekt das Klima schont.

Von A wie Airbus bis B wie Boeing: Va-q-tec-Chef Kuhn hofft auf Geschäfte mit den großen Flugzeugbauern (Foto: Va-q-tec)

Die „Financial Times“ geriet wieder einmal in Verzückung – über „Germany’s ‘Mittelstand’“. Neuestes Beispiel für dessen „Agilitität und Erfindungsreichtum“, so die britische Wirtschaftszeitung, sei die Firma Va-q-tec in Würzburg, wie diese auf die Corona-Krise reagiert habe. Die Franken trugen mit ausgeklügelten Kühlboxen dazu bei, dass die Impfstoffe von Biontech und Moderna wie erforderlich bei zig Grad unter Null rund um den Globus transportiert werden konnten. Der Aktienkurs von Va-q-tec hatte sich in knapp acht Monaten verfünffacht, der Umsatz schnellte seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 um 44 Prozent auf 104 Millionen Euro im vergangenen Jahr in die Höhe.

Offensive mit Isolierpaneelen

In dem explosionsartigen Ruhm und Umsatzplus geht allerdings unter, dass Kühlboxen längst nicht alles sind bei dem 2001 gegründeten Unternehmen im Freistaat Bayern mit weltweit rund 600 Beschäftigten. Denn wie im Fall von Corona kann Va-q-tec auch bei der Lösung eines noch bedeutsameren Problems der Menschheit helfen: nämlich beim Energiesparen, um auf diese Weise den Einsatz fossiler Brennstoffe zu vermeiden und die Erderwärmung zu bremsen. Dies vor Augen wollen die Franken jetzt mit ihrer speziellen Kühl- und Isoliertechnik in die Offensive gehen, sei es für Wohnhäuser, Supermärkte, Autos oder sogar Flugzeuge.

„Wir planen, beim Umsatz mit unseren Isolierpaneelen jedes Jahr um 20 bis 30 Prozent zu wachsen“, kündigt Va-q-tec-Chef Joachim Kuhn im Interview mit Greenspotting an. „Das entspräche einem Umsatz von um die 200 Millionen Euro in fünf Jahren und wäre bis zu doppelt so viel wie 2021.“

Energie sparen durch Vakuum-Dämmung

Hinter der spröden Bezeichnung „Isolierpaneel“ verbirgt sich ein High-tech-Produkt in Zeiten des Klimawandels, das sich durch vielfältigste Einsatzmöglichkeiten und hohe Wirksamkeit auszeichnet. Gemeint sind damit maximal fünf Zentimeter, in der Regel aber nur zwei Zentimeter dünne Platten, die mit Kunststofffolien umhüllt und zum Beispiel mit Silicat gefüllt sind, einer Art Sand, der zum Beispiel mit Katzenstreu verwandt ist. Der Clou der silbrig schimmernden Platten besteht darin, dass sie keine Luft enthalten, sondern in ihrem Inneren Vakuum herrscht. Das Prinzip entdeckte schon 1903 der Brandenburger Glastechniker Reinhold Burger und entwickelte daraus die Thermoskanne, die bekannte Kanne in der Kanne.

Zehn mal so effizient

Auf diese Weise funktionieren nicht nur die Isolierpaneele, sondern auch die doppelwandigen Rohre, die Va-q-tec ebenfalls produziert. Denn Unterdruck isoliert hervorragend. Nach Unternehmensangaben verliert beispielsweise warmes Wasser in den metallenen Thermosleitungen 60 Prozent weniger an Temperatur als in herkömmlich gedämmten Rohren. Die Isolierpaneele, etwa hinter ein Kühlregal im Supermarkt geklebt, sparen 50 Prozent der Energie fürs Frischhalten. Der praktische Vorteil der Vakuumtechnik gegenüber klassischen Dämmmaterialien wie Styropor, Faserstoffen und Kunststoffschäumen liegt darin, dass sie um ein Vielfaches besser dichthält und dadurch viel dünnere Isolierungen ermöglicht. „20 Millimeter unserer Vakuumisolierpaneele sind so effizient wie 20 Zentimeter eines üblichen Schaumdämmstoffs“, so Va-q-tec-Chef Kuhn.

Airbus und Boeing als mögliche Kunden

Ein Teil des geplanten Umsatzsprungs soll von Geschäften mit der Auto- und insbesondere der Flugzeugindustrie kommen, deren Maschinen in 10 000 Meter Höhe gegen Außentemperaturen von bis zu minus 50 Grad isoliert werden müssen. Hier zählt jede eingesparte Kalorie, um den Wärmebedarf und damit die Verbrennung klimaschädlichen Kerosins zu reduzieren. Die Verhandlungen mit den Flugzeugherstellern, so Va-q-tec-Chef Kuhn, „gehen gut voran, dauern aber in dieser Industrie ihre Zeit. Erste Erfolge werden wir noch 2022 sehen.“  Auf die Frage, ob zu den erhofften Kunden auch Airbus und Boeing gehören, sagte Kuhn: „Wir reden mit allen Herstellern, von A bis B.“

50 Prozent weniger Energieverbrauch

Den größten Effekt für das Klima dürften indes die Vakuumpaneelen und -rohre  für den Gebäude- und Gewerbebereich haben. So wird in Deutschland immer mehr gekühlt, etwa in Lagerräumen und Supermärkten. Das kostet Strom. Rund ein Zehntel des hiesigen Energiebedarfs geht fürs Frischhalten drauf. Aus diesem Grund hat zum Beispiel der Kühlmöbelhersteller KMW im hessischen Limburg eine neue energieeffizientere Generation von Kühlschränken für Supermärkte entwickelt. Bisher werden diese nach außen mit herkömmlicher Dämmtechnik gegen Wärme isoliert. Kernelemente der neuen Kühlmöbel sind nun die Vakuumisolationspaneele von Va-q-tec. Die tragen dazu bei, dass der Energieverbrauch um 50 Prozent sinkt.

Ohne Schießschartenoptik

Wie viel Einsparungen im Gebäudebereich mit der Spitzenisolierung möglich ist, zeigt das FuturHaus Lehel in der Münchner Innenstadt unweit des Hofgartens. Das fünfstöckige Wohn- und Bürogebäude ist die erste größere Immobilie, die vollständig mit Va-q-tec-Paneelen isoliert wurde. Dadurch verbraucht das 2004 errichtete Haus sagenhafte 22 Kilowatt Energie pro Quadratmeter Nutzfläche im Jahr. Das ist im Schnitt weniger als ein Viertel des Energieverbrauchs von Gebäuden, die seit 2000 in Deutschland errichtet wurden, und sogar nur grob ein Zehntel des Verbrauchs von Häusern aus den 1970er Jahren. Im Gegensatz zu herkömmlich gedämmten Gebäuden ist dem FuturHaus Lehel die Isolierung nicht einmal anzusehen, da die gerade mal zwei Zentimeter dünnen Paneele verhindern, dass die Fenster des Hauses wie eingekastelte Schießscharten wirken.

Mehr Nutzfläche durch dünnere Dämmung

Das renommeeträchtigste Projekt der Franken ist allerdings der Grand Tower in Frankfurt, Deutschlands höchstes Wohngebäude. Überall, wo sich wenig Platz hinter der Fassade bot, weil Versorgungsschächte dort entlang laufen, wurde die 172 Meter hohe Immobilie mit den Platten von Va-q-tec isoliert. Betroffen war davon zwar nur ein 1,25 Meter breiter Wandstreifen pro Wohnung, der mit den Vakuumpaneelen gedämmt wurde. Doch bei je neun Wohnungen auf 47 Etagen schlagen die Sonderzonen für den Bauherrn äußerst erfreulich zu Buche. Denn die Isolierplatten von Va-q-tec für den Grand Tower sind nur fünf Zentimeter dick – statt 25 Zentimeter wie herkömmliche Dämmschichten. Dadurch sprangen für den Bauherrn 123 Quadratmeter mehr Wohnraum heraus. Bei einem Kaufpreis von 5000 bis 15 000 Euro Quadratmeter entspricht das Mehreinnahmen zwischen 615 000 bis 1,85 Millionen Euro. Ähnlich glücklich konnte sich der Bauherr des FuturHauses Lehel in München schätzen, der mit Hilfe der dünnen Va-q-Isolierplatten 125 Quadratmeter mehr Nutzfläche aus der Immobilie quetschte.

Amortisation spätestens nach zwei Jahren

Für Unternehmenschef Kuhn stellt die Frage der Wirtschaftlichkeit deshalb keine große Hürde für den Einbau seiner kostspieligen Isoliertechnik dar. Zwar seien die Paneele made by Va-q-tec durchschnittlich fünf mal so teuer wie herkömmliche Dämmmaterialien, so Kuhn. „Im Schnitt amortisieren sich unsere Vakuumisolierpaneele jedoch über die Gesamtkosten durch Energieeinsparungen, weniger Platzbedarf oder geringeren Aufwand bei der energetischen Sanierung von Gebäuden oft schon innerhalb von zwei Jahren oder schneller.“

Von Reinhold Böhmer