Windradausbau kontra Artenschutz

Die Ampelkoalition stellt den Klima- über den Artenschutz, wirft der Biodiversitäts-Professor Matthias Glaubrecht der Regierung vor. Etwa mit dem massenhaften Aufstellen von Windrädern. Weltweit droht ein verheerendes Artensterben.

Gefährdeter Armur-Leopard Rund eine Million bedrohte Arten Bild: David Lawson/WWF-UK

Er hat den preisgekrönten Bestseller “Das Ende der Evolution – der Mensch und die Vernichtung der Arten” geschrieben. Jetzt wirft er der Politik – auch den an der Ampel beteiligten Grünen – in einem Gastbeitrag für den Berliner Tagesspiegel “biologisches Analphabetentum” vor, das uns noch alle umbringe.

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Die Umwelt nur noch als Klima zu buchstabieren, sei ein schwerer Fehler, meint der Wissenschaftler. Das zeige auch der höchst bedenkliche Beschluss der Ampelkoalition, hier zu Lande den Arten- und Naturschutz in den Wäldern und auf den Feldern notfalls schneller als bisher weiteren Windkraftanlagen und Stromtrassen zu opfern, schreibt Glaubrecht.

Biodiversität ist die Lebensversicherung unseres Planeten

Noch immer verstehe die Menschheit nicht, welche unersetzlichen Beitrag die Natur zum Überleben der jetzt schon fast acht Milliarden Erdenbürger liefere. “Sie erbringt Leistungen, die mehr als das 1,5fache des weltweiten Bruttosozialprodukts ausmachen. Zugleich ist die Biodiversität die Lebensversicherung unseres Planeten”, fährt Glaubrecht fort.

Ohne funktionierende Ökosysteme gäbe es weder Fleisch noch Fisch oder Früchte, sagt der Forscher und warnt: “Je mehr biologische Arten wir verlieren, desto mehr ökologische Maschen gehen verloren, bis das Netz irgendwann reißt.”

Größtes Artensterben seit dem Ende der Dinosaurierzeit

Der Zeitpunkt rückt laut der Umweltorganisation WWF rasend schnell näher. Rund eine Million Arten könnten innerhalb der nächsten Jahrzehnte aussterben, schlagen deren Experten Alarm. Es drohe das “größte Artensterben seit dem Ende der Dinosaurierzeit”.

In Deutschland werde die ökologische Krise besonders drastisch am Schwund von Insekten sichtbar, schreibt Glaubrecht. 80 Prozent der Biomasse an Fluginsekten sei verloren gegangen – für jeden abzulesen an klaren Windschutzscheiben auch nach stundenlager Fahrt durch Wiesen und Felder. In der Folge seien allein in Europa seit 1980 knapp ein Fünftel der Vögel verschwunden. Das Vogelkonzert wird leiser und eintöniger.

Die Politik gerät in eine Akzeptanz-Diskussion

Der von Glaubrecht beklagte Konflikt zwischen dem Umstieg auf erneuerbare Energien und dem Naturschutz bahnt sich schon länger an. Im exklusiven Greenspotting-Interview sagte der Fraunhofer-Forscher Martin Wietschel voraus, dass der geplante massive Ausbau von Solarpaneelen und Windturbinen “eine Akzeptanz-Diskussion” lostreten würde. Und immer öfter klagen Naturschützer gegen das Aufstellen neuer Windräder – in Hessen zum Beispiel mit Erfolg. Mitunter handelten sie sich vor Gericht aber auch Klatschen ein.

Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm. In Nordrhein-Westfalen (NRW) beispielsweise gingen vergangenes Jahr gerade einmal 83 neue Windräder ans Netz. In Bayern und Baden-Württemberg tendierte der Zubau gar gegen Null.

Über allen Gipfeln dreht sich ein Rotor

Wie unsensibel Windkraft-Lobbyisten mitunter den Natureingriff herunter spielen, dokumentiert eine jüngste Idee des Vorsitzenden des NRW-Landesverbands Erneuerbare Energien (LEE), Reiner Priggen. Er schlägt vor, die Höhenzüge abgestorbener Fichtenwälder mit Windrädern zu bestücken. “Über allen Gipfeln dreht sich ein Rotor”, möchte man da ein Goethe-Gedicht abwandeln.

Zumal leicht aus den Augen gerät, dass zu jeder Anlage ein breiter Zufahrtsweg für die Installation und die Wartung planiert werden muss. Auch das ein Raubbau an der Natur.

Mehr: Tagesspiegel ZDF

Von Dieter Dürand

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