E-Autofahrer – Daheim in Blankenese und Babelsberg

Zu welcher sozialen Klasse gehören Elektroautofahrer? In welchen Vierteln wohnen sie? Handelt es sich um Ökofreaks mit Jutebeutel und Verzichtsethik? Das Gegenteil trifft zu. E-Autokäufer sind wohlhabend, besitzen einen hohen Sozialstatus. Oft steht ein dicker SUV neben dem Stromer in der Garage. Oder der SUV ist selbst ein Stromer. Die Zuschüsse vom Steuerzahler fließen somit meist in die Taschen der Besserverdienenden. Doch der Trend ändert sich.

E-Auto Mercedes-Benz EQC Die Mobilität für das grün-liberale Bürgertum (Foto: Daimler)

Diesel gelten als Stinker für kleine Leute, die sich nur selten oder nie einen Neuwagen leisten. Wer cool ist, fährt einen Stromer. Einen Kleinen als Drittwagen fürs Einkaufen oder halt einen Großen. Man kann es leisten. Denn man gehört in der Regel zum kaufkräftigsten Zehntel der Bevölkerung. Aus dieser Gruppe stammten je nach Modell bis zu siebzig Prozent der E-Auto-Kunden. Das ist das Ergebnis einer Auswertung von Marktmediadaten und Zahlen des Kraftfahrzeugbundesamtes durch den Datendienstleister Acxiom.

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Der typische E-Fahrer lebt im Speckgürtel der Großstädte, ist Familienmensch und Besitzer eines geräumigen Hauses mit großem Garten. Oft ziert eine Photovoltaik-Anlage das Dach. Er ist meist männlich, zwischen 35 und 59 Jahre alt und gebildet. Technik, Ökologie, Wirtschaft und Politik interessieren ihn. Er ist freigiebig, wenn es um Spenden für Umwelt oder Natur geht. Dort hält er sich beim Bergsteigen, Skifahren oder Wandern auch gern auf. Der E-Fahrer lebt sportlich und ernährt sich gesund. Er reist viel. Die Digitalisierung unseres Lebens ist sein Ding. Ganz gleich, ob es um Online-Banking oder um das intelligente Haus geht.

Exklusivität bedroht

Daneben gibt es noch eine kleinere Gruppe gut verdienender meist männlicher Singles in innerstädtischen Trendvierteln, für die der Stromer ökologisches Statussymbol ist. Doch in den Innenstädten fehlen Garagen oder Stellplätze mit Stromanschluss, so dass die Marktdurchdringung dort geringer ist.

Der Osten ist E-Fahrer-Diaspora. Kommen auf tausend Einwohner in Baden-Württemberg 9,6 Autos mit E-Antrieb, liegt die Marktdurchdringung in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt nur bei 3,1. Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch-Gladbach, führt dies neben der Infra- und Siedlungsstruktur auch auf die geringere Höhe der verfügbaren Einkommen zurück. In den wohlhabenden süddeutschen Bundesländern können es Verbraucher sich eher leisten bei neuen, teureren Techniken mitzuziehen.

Deshalb ist es fraglich, wie lange die Gleichung “E-Fahrer sind reich” noch gilt. Ändert sich nichts an Angebot und Preisstruktur, bleibt den Acxiom-Simulationen zufolge, die Größe der Zielgruppe mit 1,3 Millionen elektroaffinen Haushalten gleich. Gehen die Preise allerdings nur geringfügig nach unten, stoßen schnell neue Käufergruppen hinzu. Acxiom stützt dabei auf die Trenduntersuchung Best for Planning (b4p). Dort ist zu lesen, dass 6,4 Prozent der Befragten sich vorstellen können, beim nächsten Autokauf ein E-Vehikel zu erwerben. Das ist, verglichen mit 2014, eine Steigerung um die Hälfte.

Künftig werden also nicht mehr so sehr wohlhabende Early Adapters die Käufer von E-Fahrzeugen sein, sondern Otto-Normalbürger, für den das E-Vehikel der nützliche Lastesel und nicht ein ökologisches Statussymbol ist. Das zeigen auch die jüngsten Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes. Im April dieses Jahres machten die Neuzulassungen von vollelektrischen Autos bereits zehn Prozent aus. Die absolute Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahresmonat mehr als verfünffacht. Die gut verdienenden Trendsetter werden sich wohl bald nach anderen Unterscheidungsmerkmalen umsehen müssen.

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