Nachhaltiger Speisezettel für Mensch und Erde

Die einen essen sich dick, die anderen hungern. Ein zügelloser Fleischkonsum zerstört den Regenwald und setzt dem Klima zu. Doch wie sähe ein Ernährungssystem aus, das alle satt macht und unseren Planeten nicht verwüstet? In Berlin gedeiht die Idee vom Weltacker.

Terrassenanbau von Reis in Osttimor Er wäre genug Nahrung für alle da, würde gerecht geteilt
Foto: Wikimedia/CC BY-SA 2.0

Eng auf eng sprießen Weizen und Mais, schießen Salatköpfe und Zucchini aus dem Boden, wächst Zuckerrohr und ranken sich Bohnen. Auf dem 2013 angelegten Weltacker im Botanischen Volkspark in Berlin-Pankow erproben die Mitstreiter um den Aktivisten Benedikt Härlin eine Bewirtschaftsmodell, das jedem Erdenbewohner ausreichend ernährt und mit anderen Gütern des täglichen Bedarfs versorgt wie etwa Kleidung und Treibstoff. Und das unserem Planeten nur so viele Ressourcen entnimmt, wie dieser verträgt und ersetzten kann.

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Härlins Ansatz löst damit ein, was echte Nachhaltigkeit bedeutet: Die Natur im Gleichgewicht zu halten.

Der Nährstoffgehalt von Reis, Weizen und Gemüse sinkt weltweit gefährlich

Davon ist die Menschheit jedoch momentan weit entfernt. Sie konsumiert in einem Ausmaß drauf los, dass dafür schon 1,6 Erden vonnöten wären, wie Wissenschaftler berechnet haben. Wir plündern die Erde also – und das mit schlimmen Folgen. Die Klimaerwärmung zum Beispiel wirkt wie ein Vollbremsung auf die Ernteerträge. Ohne die steigenden Temperaturen könnten die Bauern global ein Fünftel mehr von Weiden und Feldern einholen.

Zugleich verschlechtern die steigende CO2-Konzentration in der Atmosphäre schleichend den Nährstoffgehalt von Reis, Weizen, Gerste und Gemüsen. Vor allem der Anteil lebenswichtiger Proteine und mineralischer Spurenelemente schwindet, schlägt der Pflanzenforscher Stanislav Kopriva Alarm. Künftig könnten weitere 200 Millionen Menschen vor allem in Schwellen- und Entwicklungsländern zu wenig Eiweiß, Eisen, Kalzium und Zink über die Nahrung aufnehmen, warnt der Professor der Uni Köln. Der Mangel ließe Menschen erkranken, etwa an der heute schon weit verbreiteten Blutarmut.

Die Tierhaltung entwickelt sich zum Klimakiller

Auch der langjährige Ko-Vorsitzende Ernst Ulrich von Weizsäcker hält die Art für ruinös, in der wir heute Landwirtschaft betreiben. Besonders kritisch sieht er den globalen Fleischkonsum. “Rund vier Fünftel der ernährungsbedingten Treibhausgas-Emissionen stammen aus der Tierhaltung. Das sind 100 Megatonnen CO2-Äquivalent pro Jahr”, rechnet er im Interview mit Greenspotting vor.

Wie aber könnte es besser gehen? Weltacker-Erfinder Härlin gibt darauf inzwischen nicht nur in Berlin, sondern mit weiteren Projekten im bayrischen Landshut, im schweizerischen Attiswil und Nuglar sowie in Kenia Antworten.

Weltacker in Berlin-Pankow 2000 Quadratmeter Anbaufläche für jeden Erdling Foto: Weltacker / Stewart Mollison

Um alle Erdenbürger übers Jahr ökologisch verträglich und gerecht mit Lebensmitteln, Baumwolle fürs T-Shirt, Raps für Biodiesel und Sonnenblumen für Speiseöl zu versorgen, stehen jedem 2000 Quadratmeter zur Verfügung, Oder 5,5 Quadratmeter pro Tag, rechnet Härlin vor. Das klingt nach wenig – und tatsächlich müssten etwa die Europäer ihren heutigen Verbrauch von 3000 Quadratmeter pro Person und Jahr deutlich reduzieren.

Qual der Wahl: vier Mal Currywurst oder zehn Portionen Gemüseeintopf

Aber es käme hin, und wäre genug für ein gutes Leben. Allerdings muss man täglich neu entscheiden, wie Härlin erläutert: “Bei 5,5 Quadratmetern pro Tag haben wir die Wahl zwischen zweieinhalb Schnitzeln mit Bratkartoffeln, elf halben Maß Bier, zehn Portionen Gemüseeintopf, einem T-Shirt oder viel Mal Currywurst mit Pommes.” Klingt nicht nach wahnsinnig viel Verzicht.

Allerdings müsste sich der tägliche Speiseplan für die Umweltkonformität deutlich ändern. Hieße im Klartext: Seltener Wurst und Steak – die notwendigen durchschnittlichen 2500 Kalorien täglich liefern stattdessen vornehmlich Getreide, Obst und Gemüse. Die Zusammensetzung wie unten käme auch unserer Gesundheit zugute, empfehlen Ernährungsexperten schon länger.

Obst, Gemüse und Kartoffeln550 g
Milchprodukte250 g
Getreide230 g
Hülsenfrüchte 75 g
Nüsse 50 g
Rind-, Lamm- oder Schweinefleisch 14 g
Geflügel 29 g
Fisch 30 g
Fett – überwiegend pflanzlich 50 g
Pro Tag stehen jedem Erdenbürger 2500 Kilokalorien zu, die sich gesund und ökogerecht so zusammensetzen

“Körnerfresser” ist also nicht mehr wie früher ein Schimpfwort. Im Gegenteil: Die Lust der Deutschen auf täglich Fleisch schwindet, zeigt die aktuelle Statistik. Der Pro-Kopf-Verzehr sank auf das Niveau von 1989.

Und immer mehr Bundesbürger greifen zu Bioware. Knapp 15 Milliarden Euro gaben sie vergangenes Jahr dafür aus. Ein Plus von 22,3 Prozent, berichtet der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft. Das war vor fünfzig Jahren anders, als der heutige Branchenprimus Bioland an den Start ging. Das stieß allein schon das Wort “Bio” auf Skepsis.

Es könnte also klappen mit Vernunft, gerechter Verteilung und Erdenrettung.

Von Dieter Dürand

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