So wie es keine Todesursache Rauchen gibt, kennen Mediziner auch keinen Hitzetod – höchste Zeit, dies zu ändern

Nicht nur durch Rauchen und Alkohol sterben jedes Jahr zigtausend Menschen in Deutschland, auch Hitzewellen töten. Doch Todesursachen mit diesen Bezeichnungen gibt es offiziell nicht. Die Mediziner sollten den Etikettenschwindel beenden. Eine Polemik.

40 Grad im Schatten: Zigtausend Menschen fallen Hitzewellen zum Opfer (Foto:

Achtung, dies ist keine Verschwörungstheorie. Doch wenn Sprache praktiziertes Bewusstsein ist, wie ein bekannter deutscher Philosoph (der aus Trier, mit dem Rauschebart) sinngemäß einmal sagte, dann wirft das schon die Frage auf: Wer schaffte es, dass es beim Tod so weit kam – beziehungsweise noch nicht weit genug gekommen ist.

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Profiteure und Verantwortliche werden gedeckt

Die Frage nagt an der herrschenden Medizin, die dem bärtigen Philosophen zufolge ja die Medizin der Herrschenden ist. In deren Lehrbüchern wimmelt es nur so vor Todesursachen. Da wird genau im Wissenschafts- wie Wichtigsprech benannt, welches Organ versagt hat oder welches Gift für das Ableben sorgte. Zwei Todesursachen kommen in der Nomenklatur bisher jedoch nicht explizit vor: der vorzeitige Exitus durch Rauchen und durch Alkohol. Macht ja nix, könnte man sagen, dafür gibt es ja Etikette wie Lungenkrebs, Leberzirrhose, Herzinfarkt, Blasenkrebs, Gehirnschlag und so weiter.

Steuern und Profite

Wieso da noch den Leidenden und Hinterbliebenen lakonisch dartun, dass sie ihr Siechtum einschließlich Erlösung dem Tabak- oder Alkoholkonsum zu verdanken haben. Dann ist es sowieso meist zu spät. Der Staat hat dadurch kräftig Steuern eingenommen und die Zigarettenindustrie Milliardengewinne gescheffelt. Nicht auszudenken, wenn der Klarname der Todesursache – Tabak, Alkohol – die Trauernden und Siechenden animieren würde, an die Profiteure beziehungsweise Mitverantwortlichen für den Verlust ihres Zeitgenossen zu denken.

Suff, Qualm, Hitze

Die seit zig Jahrzehnten – für Fiskus wie Industrie – erfolgreiche Camouflage dient neuerdings auch als Vorbild für eine aktuelle Todesursache, für die es analog zu Suff und Qualm ebenfalls klinisch saubere Diagnosen, jedoch ebenso wenig eine gebührende Namensnennung gibt. Es ist der Tod durch Hitze, den seit zwei, drei Jahrzehnten immer mehr Menschen sterben.

Tödlicher Jahrhundertsommer

Ach, was war das doch für ein Jahrhundertsommer im August 2003. Pech nur für diejenigen, die davon nicht mehr erzählen können, weil er sie das Leben kostete. In den zwölf europäischen Ländern, in der exceptionelle Sommer fiel, starben insgesamt rund 70 000 Menschen – und zwar infolge der Hitze, wie Forschernde in einer Lancet-Studie feststellten. 9600 davon kamen dadurch laut Robert Koch-Institut in Deutschland ums Leben. In Frankreich gab es 15 000 hitzebedingte Todesfälle, in der superheißen Phase der Hundstage, wie die Gallier sagen, war die Sterblichkeit westlich des Rheins sogar höher als während der ersten Coronawelle. Kurzum: Der Jahrhundertsommer 2003 zählte zu den tödlichsten Naturkatastrophen der vergangenen 100 Jahre in Europa.

Ungebremst weiter

Als Hitzetote, gar als Opfer des Klimawandels, als Geschundene der Produzenten fossiler Energien und untätiger Politiker, nein, als solche gehen die zigtausend Hitzeopfer natürlich nicht in die Todesscheine ein. Wo käme man denn hin, wenn man die direkt und indirekt Verantwortlichen via Diagnose beim Namen nennen würde, die bisher davon so gut gelebt haben? Nicht auszudenken, welcher Furor ihnen drohen würde. Denn es geht ja ungebremst weiter. Das Umweltbundesamt ist sicher, „dass zukünftig mit einem Anstieg hitzebedingter Mortalität von einem bis sechs Prozent pro Grad Celsius Temperaturanstieg zu rechnen ist. Dies entspräche über 5000 zusätzlichen Sterbefällen pro Jahr durch Hitze bereits bis Mitte dieses Jahrhunderts”.

Anstoß fürs Bewusstsein

Jetzt würde die korrekte Benennung des Übels allein so wenig etwas ändern, wie das sprachliche Gendern die wirtschaftliche und soziale Benachteiligung der Frauen beseitigt, die Bezeichung Inuit das Leben der Völker in nordpolaren Regionen verbessert oder der Anglizismums “People of color” die Stellung der Schwarzen in den USA und im Rest der Welt verbessert hat. Doch wissen Linguisten seit den Erwägungen ihres US-Kollegen Benjamin Lee Whorf und dessen Ziehvaters Edward Sapir, dass Sprache, Grammatik und Wortwahl durchaus das Denken beeinflussen können. In romanischen Sprachen etwa ist das Wort für Brücke maskulin, weswegen Franzosen, Italiener und Spanier sich darunter etwas Stämmiges, Klotziges vorstellen, wohin die Deutschen damit Rundungen und geschwungene Formen assoziieren.

Morbus caloris, Morbus aethanolis und Morbus tabaci

Wie wäre es, wenn die Mediziner vor diesem Hintergund dem Tod durch Hitze, mithin durch den Klimawandel, auch einen passenden Namen gäben? Dass der Zigaretten-Junkie und Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht an seiner Rauchsucht starb, dass andere Faktoren zum Sieg der Krankheit beitragen, das Überlebenskünstler vor nichts in die Knie gehen, all das sollte kein Grund für eine weitere Vernebelung sein. Es würde ja reichen, zu Beginn das wissenschaftliche Pathos zu wahren und standesgemäße Wortkreationen einzuführen, die lateinische und altgriechische Sprache hat noch geug Potenzial: Todesursache Morbus caloris, Morbus aethanolis, morbus tabaci, um ein paar Ideen beizusteuern. Die deutsche Übersetzung würde sich bald einstellen – und die Menschen darauf stoßen, wem oder was sie den Tod zu verdanken haben.

Wenn sich die Erleuchteten dann noch die Verantwortlichen vorknöpfen und sie zur Rechenschaft ziehen, das wäre doch was, oder?

Mehr: Tagesspiegel

Reinhold Böhmer

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