Experten in Namibia kritisieren Plan von Grünen-Minister Robert Habeck, Wasserstoff für Deutschland produzieren zu lassen

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat mit Namibia die Produktion von grünem Wasserstoff und Ammoniak eingefädelt, von der Deutschland und der Essener Industriekonzern RWE profitieren sollen. Daran gibt es scharfe Kritik von Experten der ehemaligen deutschen Kolonie im Südwesten Afrikas.

Windhoek, Hauptstadt von Namibia: Bundesregierung will in einstiger deutscher Kolonie grünen Wasserstoff und Ammoniak absaugen (wboroma / pixabay)

Er sei ein Anhänger des “pragmatischen Idealismus”, sagt der promovierte Literaturwissenschaftler und amtierende Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen von sich. Was dies in der Praxis bedeutet, lässt sich gerade an der Vereinbarung zur Produktion von grünem Wasserstoff und Ammoniak studieren, die Habeck in Namibia geschlossen hat. „Das Letzte, was wir akzeptieren dürfen, ist eine Art von grünem Energie-Imperialismus“, hatte er dazu im Nachrichtenmagazin Der Spiegel gesagt. Der sei dann gegeben, wenn man in Namibia erzeugte Energieträger einfach absauge und das Land nichts davon habe.

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Genau das droht der einstigen deutschen Kolonie nach Meinung dortiger Experten jetzt aber. Für Natalie Russmann, Leiterin des Auslandsbüros für Namibia und Angola der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, ist es „noch unklar“, wieviel „Strom aus der grünen Wasserstoffproduktion für die lokale Versorgung vorgesehen“ sei. Kritiker warnen vor einem Ausverkauf des grünen Wasserstoffs, der nach der Verarbeitung zu Ammoniak nach Deutschland kommen soll, und sehen die Gefahr, dass nicht genug für den Aufbau einer eigenen Industrie in Namibia übrigbleibt.

Deutschland bezahlt für Zerstörung wichtiger Ökosysteme

Zudem fürchtet der Leiter der namibischen Umweltkammer, Chris Brown, negative Folgen der erforderlichen Solar- und Windenergieanlagen im Nationalpark Tsau Khaeb, der 20 Prozent sämtlicher Pflanzenarten Namibias beherbergt: „Wenn die Wasserstoffproduktion in diesem Nationalpark stattfindet, mag sie zwar kohlenstoffneutral sein, aber sie kann nicht als ‘grün‘ bezeichnet werden“. Er finde es “ironisch, dass Deutschland aufgrund seiner unglücklichen Energiepolitik” bereit sei, “Namibia für die Zerstörung global wichtiger Ökosysteme und der biologischen Vielfalt zu bezahlen, anstatt die Probleme zu Hause und in der EU anzugehen“.

Allein fast ein Drittel für RWE

Die Produktion grünen Wasserstoffs und Ammoniaks wurde von der Regierung des südwestafrikanischen Landes in ihrer Entwicklungsplanung für 2021 bis 2025 als „strategische Industrie“ bezeichnet. Von deren Ertrag soll sich Deutschland nach Habecks Willen einen dicken Brocken sichern. Dazu plant die Firma Enertrag aus Dauerthal in Brandenburg ein Projekt namens Hyphen mit 600 Windrädern und zwei Solarfeldern auf einer Fläche von 100 mal 80 Kilometern mit einer Leistung von bis zu sieben Gigawatt. Das entspricht sieben Atomkraftwerken. Das dafür benötigte Wasser soll auf lange Sicht durch Entsalzung von Meerwasser gewonnen werden. Da der Transport von Wasserstoff extrem aufwändig ist, soll er chemisch zu Ammoniak verarbeitet werden, einem Rohstoff für die Düngemittelproduktion und die chemische Industrie, der problemlos per Tanker nach Deutschland verfrachtet werden kann. Von dem vorgesehenen Gesamtexport Namibias von einer Million Tonnen, für den Enetrag mit Hyphen sorgen soll, will sich allein der Essener Industriekonzern RWE für seinen geplanten Terminal in Brunsbüttel bei Hamburg bis zu 300 000 Tonnen sichern.

Wasserstoff statt Entschädigung für Völkermord

Grünen-Minister Habeck findet, deutsche Geschäfte in Namibia müssten im „Lichte der Geschichte“ gesehen werden. Damit meint er den Völkermord an den Hereros und Namas durch Truppen des deutschen Kaiserreichs 1904 bis 1908. Das Bundesausministerium erkannte den Massenmord in den vergangenen Jahren jedoch nicht als Völkermord an, weil dieser Straftatbestand von der internatioalen Völkergemeintschaft erst 1948 beschlossen worden und 1951 in Kraft getreten sein. Deshalb könnten sich die verbliebenen Nachfahren der Hereros und Namas, so die Juristen im Auswärtigen Amt, nicht im Nachhinein darauf berufen.

Im Zuge dessen war es dem Außenminister der damaligen schwarz-roten Bundesregierung, Heiko Maas (SPD), im Mai 2021 gelungen, die Regierung von Namibia zu einer sogenannten Versöhnungsvereinbarung zu bewegen. Die sieht anstelle einer Entschädigung die Zahlung von Entwicklungshilfe in den kommenden 30 Jahren vor, allerdings lediglich in einer Höhe, die der bisherigen Entwicklungshilfe Deutschlands im gleichen zurückliegenden Zeitraum entspricht. Das hat zu großer Empörung bei Nachfahren der Opfer in Namibia geführt sowie zu deren Forderung nach Neuverhandlungen und Entschädigungen in Höhe von 73 Milliarden Euro.

Auch Maas’ Nachfolgerin Alena Baerbock von den Grünen, die sich als Verfechterin einer sogenannten wertebasierten Außenpolitik betrachtet, lehnt diese Forderungen ab. Stattdessen nimmt ihr Parteifreund Habeck die einstige deutsche Kolonie nun als Lieferant grünen Wasserstoffs oder Ammoniaks in Anspruch.

Mehr: German Foreign Policy

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