Fake News: Dritte Welt hungert, weil die Ukraine keinen Weizen exportiert

Schöne Story, zum Glück aber falsch. Der Weizen aus der Ukraine macht gerade mal 8,5 Prozent der globalen Exportmenge aus. Das ist deutlich weniger als die jährlichen Schwankungen der Erntemengen.


Weizenfeld Am Krieg kann es nicht liegen(Ruth Rudolph/Pixelio.de)

Der böse Westen und sein Krieg gegen das unschuldige Russland sind schuld an der drohenden Hungersnot in den armen Ländern. So die Erzählung der russischen Propaganda und der Medien in Afrika oder Indien. Für westliche Medien und Politiker ist dagegen die rücksichtlose russische Blockade der Ukraine schuld an der Weizenknappheit.

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Beide Seiten liegen daneben. Denn die Bedeutung der ukrainischen Weizenexporte ist zu gering, um den globalen Weizenmarkt zu erschüttern. Die jährlichen Schwankungen der Erntemengen liegen oft deutlich über dem ukrainischen Exportvolumen. So lag der weltweite Ertrag der Weizenernte 2010/11 mit 650 Millionen Tonnen rund 20 Prozent niedriger als die Schätzungen für die laufende Ernte. Insgesamt hat sich die verfügbare Weizenmenge in den vergangenen Jahren eher vergrößert. In den Jahren um 2010 lag sie meist deutlich unter 700 Millionen Tonnen. Seit fünf Jahren schwankt sie zwischen 763 und 778 Millionen Tonnen.

Tatsächlich rangiert die Ukraine als Weizenexportland nur auf Platz 6. Viel wichtiger als die Ukraine sind Exporteure wie die Europäische Union mit 15 Prozent, Kanada mit 14 Prozent und die USA mit 13 Prozent der weltweiten Ausfuhrmengen. Größter Exporteur ist Russland mit 20 Prozent der Welthandelsmenge.

Böse Russen sperren eigenen Weizenexport

Doch auch rund um den russischen Weizenexport gibt es irreführende Nachrichten. So wurde die Ankündigung der russischen Regierung, nach der bis Ende dieses Monats die Exporte gestoppt seien, vielfach verkürzt wiedergegeben. Nicht erwähnt wurde zumeist, dass nur vier ehemalige Sowjetrepubliken von dem Exportverbot betroffen sind. „Russland führt ein vorübergehendes Exportverbot für Getreide in die Länder der Eurasischen Wirtschaftsunion ein“, teilte die Regierung der Russischen Föderation Mitte März mit. Zur der genannten Eurasischen Wirtschaftsunion gehören neben Russland selbst jedoch nur die Länder Armenien, Belarus, Kasachstan und Kirgistan. Der Weltmarkt ist von diesem kurzfristigen und geographisch beschränkten Ausfuhrstopp kaum betroffen.

Ohnehin dient nur ein Teil des Weizens der menschlichen Ernährung. Rund 24 Prozent des Weizens landen in den Futterkrippen der Landwirtschaft. Ein weiterer Teil geht an die Industrie, die das Korn vor allem zur Herstellung von Bioethanol nutzt. Rund acht Prozent der Weizenernte enden im Tank oder bei der chemischen Industrie.

Fette Ernten in Frankreich und den USA drücken die Preise

Was die Berichterstattung nicht erwähnt: In der Zeiten der Knappheit weichen Konsumenten auf Ersatzprodukte aus. Das lernt jeder Ökonomie-Student während seiner ersten Semester. Weizen machte in den vergangenen Jahren nur etwa 30 Prozent der Erntemenge der vier wichtigsten Getreidearten, Mais, Weizen, Reis und Gerste, aus. Es gibt also reichlich Ausweichmöglichkeiten. Von einer kriegsbedingten Hungersnot ist die Welt weit entfernt.

Selbst die Preise purzeln wieder. Zwischen Juli 2021 und dem Mai dieses Jahres hatten sich die Preise der Terminmärkte auf 420 Euro pro Tonne mehr als verdoppelt. Inzwischen steht der Preis für Lieferungen, die im kommenden September fällig sind, auf 358 Euro pro Tonne. Grund dafür sind positive Meldungen von den Erntefronten in Frankreich und den Vereinigten Staaten.

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