Ausbeutung der Arktis
Profitsucht versus Klimaschutz

Gerade erst bekundete die Staatengemeinschaft, nichts ginge ihr über den Kampf gegen die Erderwärmung. Im auftauenden Eis rund um den Nordpol wird sich zeigen, wie ernst das Bekenntnis gemeint ist: Ist die Plünderung der Bodenschätze wichtiger als Klimaschutz?

Polarlichter über arktischem Eis
Arktisches Polarlicht Unter dem Eis werden riesige Öl- und Gasfelder vermutet Foto: Noel_Bauza on Pixabay

Die Mehrheit der 40 Staats- und Regierungschefs, die sich Anfang Mai zum virtuellen Klimagipfel mit US-Präsident Joe Biden trafen, zeigte sich einsichtig: Sie verschärfte ihre Zusagen zur Reduktion von Treibhausgasen, um den Temperaturanstieg auf der Erde erträglich zu halten. Er würde um ein halbes Grad Celsius niedriger ausfallen, falls alle ihre Ankündigungen einhielten, rechnete das Aktionsbündnis Climate Action Tracker aus.

Schon damals hielt sich Russland, einer der weltweit schlimmsten Treibhausgas-Emittenten, mit Versprechungen auffällig zurück. Jetzt, nur wenige Wochen später, zeigt sich warum:

Russland plant, seine Flüssiggasproduktion zu verzehnfachen

Außenminister Sergej Lawrow erklärt die Arktis zu russischem Territorium, kaum dass das Riesenreich den Vorsitz im Arktischen Rat der Anrainer übernommen hat. Und er macht klar, dass Russland die wegen des tauenden Eises rund um den Nordpol inzwischen fast ganzjährig befahrbare Nordostpassage zu einer Hauptroute für den internationalen Schiffsverkehr ausbauen will – inklusive dem Bau neuer Häfen, Zugtrassen und Schiffe. Zudem will Russland dort auch die Produktion von Flüssigerdgas auf bis zu 91 Millionen Tonnen im Jahr 2035 verzehnfachen.

Bodenschätze im Wert von 25 Billionen Euro vermutet

Sieht so der Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter aus? Offenbar siegt die Aussicht auf Riesenprofite aus der Ausbeutung der vermuteten arktischen Rohstoffvorkommen wieder einmal über die ökologische Vernunft. Präsident Wladimir Putin schätzt den Wert der Bodenschätze auf umgerechnet 25 Billionen Euro. Offiziell geben sich Anliegerstaaten wie die USA, Dänemark, Kanada und Norwegen zwar zurückhaltender. Aber werden sie bei solchen Summen nicht auch schwach?

Noch mehr Schifffahrt mit ihren Rußschwaden, überall Bohrungen und industrielle Aufrüstung. Sie versetzten dem fragilen Ökosystem der Arktis nach Ansicht von Experten den endgültigen Todesstoß.

In der Arktik steigen die Temperaturen dreimal schneller

Schon heute erhitzt sich diese Region dreimal schneller als der Rest des Planeten, schlugen jüngst Forscher des Arctic Monitoring and Assessment Programme (Amap) Alarm. Von 1971 und 2019 wurde es dort um durchschnittlich 3,1 Grad Celsius wärmer gegenüber einem Grad Celsius im globalen Durchschnitt.

Nicht nur der langjährige Vorsitzende des Club of Rome, Ernst Ulrich von Weizsäcker, befürchtet, dass der Prozess des Schmelzens des arktischen Eises nicht mehr zurückzudrehen ist . “Die Arktis ist ein echter Hotspot des Klimawandels,” urteilt auch der Glaziologe Jason Box. Im Wettlauf um die wirtschaftliche Ausbeutung stoßen die Mahnungen allerdings offensichtlich auf taube Ohren.

Mehr: dw Zeit