Schützen durch Nützen
Biogas aus Gras von Streuobstwiesen rettet Öko-Nischen

Streuobstwiesen sind Heimat und Kinderstube tausender Tierarten, auch gefährdeter. Doch die Wiesen gelten selbst als gefährdet. Denn ihr Erhalt ist teuer. Kann Biogas die Öko-Wiesen retten?

Streuobstwiese in Süddeutschland Dramatischer Rückgang (Oliver Mohr/Pixelio.de)

Seit den 60er Jahren hat sich zum Beispiel in Bayern die Zahl der Streuobstbäume von 20 Millionen auf nur fünf Millionen vermindert. Der Rückgang war lange so gewollt. Bis in die Siebzigerjahre schüttete eine fehlgeleitete Agrarpolitik Subventionen für die Vernichtung von Streuobstweisen aus.

Dabei sichert der Streuobstanbau vielen Arten das Überleben: Auf den Flächen finden sich je nach Größe und Beschaffenheit bis zu 5 000 verschiedene Tierarten, darunter viele gefährdete. Wildbienen, Fledermäuse, Rebhühner oder Steinkäuze fühlen sich auf den Mischnutzgebieten wohl. Rund 20 Prozent der dort heimischen Vogelarten sind bedroht. Darüber hinaus sind die Wiesen ein Stück Kultur. Ihnen verdankt Europa den Erhalt vieler alter Obstbaumsorten.

Trinken, um zu schützen

Doch nicht nur die industrialisierte Landwirtschaft und eine rücksichtlose Bodenspekulation bedrohen die Streuobstkulturen. Die Kulturen sind für Betreiber teuer und arbeitsaufwendig in der Unterhaltung. Seit einigen Jahrzehnten gibt Initiativen, die Moste oder Obstbrände mit Label an Unterstützer verkaufen.

Gas aus Gras

Kostenfaktor ist auch die Entsorgung des gemähten Grases unter den Bäumen. Denn die Besitzer müssen den sogenannten Gras-Abfall an regionalen Sammelstellen entsorgen und dafür zahlen. Im Landkreis Reutlingen soll das geändert werden. Statt die Mahd teuer als Abfall zu entsorgen, liefern die Besitzer das geerntete Gras an die Forschungsbiogasanlage Unterer Lindenhof der Universität Hohenheim. Die Anlage macht aus dem Gras Gas. Mit dem so erzeugten Methan produzieren die Forscher Strom oder Heizungswärme. Vorteil von Biogas: Im Gegensatz zu Wind- oder Solarenergie steht Energie aus Biogas auch bei Windstille oder nachts bereit. Beteiligt an dem Projekt ist auch die Universität in Stuttgart – und das Bundesministerium für Landwirtschaft als Geldgeber.

Die Gütle- oder Stücklebesitzer, wie die Betreiber von Streuobstwiesen im Schwäbischen heißen, würden auch in Zukunft zusätzlich gern das Fallobst und das Schnittholz an die Biogasanlage liefern. Doch der Fortsetzung der Grasnutzung für die Biogaserzeugung steht die Abfallverordnung entgegen. Die aktuelle Ausnahmegenehmigung läuft mit dem Forschungsprojekt Ende des Jahres aus. Immerhin reiste die Staatssekretärin Sabine Kurtz vom Stuttgarter Landwirtschaftsministerium kürzlich an. Beim Spaziergang durch die Streuobstanlagen hörte sie sich aufmerksam die Klagen und Forderungen der Gütlebesitzer an.

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