Umweltsünde Weinflasche – oder geht es auch anders?

Eine Weinflasche ist schwer. Und bei Produktion und Transport der Einwegflaschen fällt massenweise CO2 an. Doch es gibt Alternativen. Ein badisches Staatsweingut vertreibt Wein jetzt auch in Bierflaschen. Mit Kronkorken! Und selbst in Frankreich gewinnt der Weinschlauch zunehmend Anhänger.

Bierflaschen - Tun's jetzt auch als Weinflasche (Marius Steinke/Pixabay)
Bierflaschen – Tun’s jetzt auch als Weinflasche (Marius Steinke/Pixabay)

Sie sieht edel aus. Die Weinkenner lieben sie. Doch die gängige Weinflasche ist mit bis zu 700 Gramm fast ebenso schwer wie der Wein, den sie enthält. Bei der Herstellung einer Flasche Wein entstehen im Durchschnitt 830 Gramm CO2. Die Hälfte entfällt auf die Weinverpackung. Dazu kommt noch der Transport. Eine 0,75-Liter-Flasche Wein wiegt mit Inhalt rund 1,3 Kilogramm. Hinzu kommt: Weinflaschen sind Einwegflaschen. Für Weinflaschen gibt es in aller Regel keine Pfandpflicht. Sie landen – im günstigen Fall – im Glaskontainer.

Ex und Hopp, heißt die Devise im Weinhandel. Die Flaschen bestehen zwar zu 60 bis 90 Prozent aus Altglas. Aber für das Einschmelzen der Glasscherben braucht es Temperaturen von rund 1400 Grad Celsius. Für die Herstellung einer Weinflasche bedarf es im Schnitt eines Energieaufwandes von 2,1 Kilowattstunden.

Mehrwegflaschen helfen Klima

Grund genug, um über umweltfreundlichere Alternativen nachzudenken. Würden die Flaschen mehrfach verwendet, ginge der CO2-Verbrauch steil nach unten. Bei nur fünffachem Umlauf könnte etwa ein Drittel Kohlendioxid eingespart werden. Zum Vergleich: Wasserflaschen laufen bis zu 50-mal um. Ein Problem des Mehrwegs im Weinhandel ist die schier unüberschaubare Vielfalt der Flaschenformen. Doch unter dem heilsamen Druck von Politik und Öffentlichkeit versuchen Flaschenhersteller, Weinhändler und -erzeuger zunehmend wieder Mehrwegsysteme zu etablieren.

So lancierte Verallia, Europas größter Hersteller von Glasverpackungen für Getränke, das System Wein-Mehrweg gleich mit handlichem Weinkasten für sechs Flaschen mit Schraubverschluss. Radikaler ist der Versuch des Staatsweingutes Freiburg. Statt für viel Geld und mit großem Risiko neue Flaschen ein Mehrwegsysem zu kreieren, setzt der baden-württembergische Staatsbetrieb auf die gute alte Bierflasche. Jawohl, die Halbliterflasche mit Kronkorken. Bis 2017 arbeitete das Weingut mit dem Hersteller Südglas zusammen. Der Glasmacher betrieb im nahen Breisach eine Anlage, die bis zu 20 Millionen Mehrweg-Flaschen reinigte. Doch die Einweg-Dreiviertelliterflaschen verdrängten die Mehrwegflaschen.

Mit Kronverschluss

Die technischen Herausforderungen bei der Einführung der Bier-Weinflasche schienen dem Staatsweingut überschaubar. Probleme bereiteten allerdings die Etiketten. Sie müssen sich beim Reinigen lösen, sollen aber Kühlung im Eiswasser aushalten. Die Freiburger mussten 25 Etiketten durchtesten, bis sie die passende fanden. Doch die größte Hürde dürfte die Tradition sein. Zwar haben sich die Verbraucher inzwischen mit dem Gedanken abgefunden, dass Qualtitätsweine nicht unbedingt in verkorkten Flaschen zu finden sind, sondern auch in verschraubbaren. Oder in Flaschen mit Plastikstopfen.

Aber Wein in Bierflaschen mit Kronkorken? Zunächst stellt das Staatsgut nur den bestverkauften Weißburgunder in Bierflaschen in die Regale der eigenen Shops. Aber mittelfristig will der Chef des Staatsbetriebs, Kolja Bitzenhofer, weitere Sorten in Bierflaschen abzufüllen. Die Flaschen sollen später auch bei den Partnern des Lebensmittelhandels vertrieben werden. Und natürlich hofft Bitzenhofer darauf, dass andere Weingüter den Bierflaschengedanken übernehmen. Dafür spricht, dass die Freiburger nicht die Ersten sind, die Wein in Bierflaschen abfüllen. Das pfälzische Bioweingut Galler stellte die Bierflaschenidee bereits im vergangenen Frühjahr vor.

Doch selbst die Mehrwegflasche ist ökologisch nicht der Weisheit letzter Schluß. Wein findet den Weg zum Verbraucher inzwischen in Papierflaschen, in Tetrapakbehältern oder PET-Flaschen. Alle diese Lösungen sind deutlich wirtschaftlicher und klimafreundlicher als Einweg- und auch als die Mehrwegflasche.

Die klimafreundlichste Verpackung für Wein ist allerdings der Weinschlauch, auch Bag-in-Box (BIB) genannt. Dabei handelt es sich um einen Schlauch aus Plastik mit einem kleinen Hahn, den eine Umpackung aus Karton stabilisiert. Die Schläuche sind praktisch. Ungeöffnet halten sie bis zu einem Jahr. Geöffnet halten sie den Geschmack bis zu zehn Wochen.

Weinflasche zu schwer

Die Kombination aus Karton und PE-Kunststoff ohne Weichmacher bietet auch bei Lagerung und Transport Vorteile. Plastikschlauch und Karton eines Fünf-Liter-BIBs wiegen zusammen nur 250 Gramm. Umgerechnet kämen bei der Flaschenverpackung über drei Kilogramm zusammen. Die BIB-Verpackungen machen also deutlich weniger als zehn Prozent des Gesamtgewichts des Endprodukts aus. Bei der Flasche sind es bis zu 45 Prozent.

Die Kartons lassen sich gut stapeln. Ein Laster kann 40 Prozent mehr Wein transportieren, wenn der Tropfen in BIBs statt in Flaschen verfüllt ist. Ein Fünf-Liter-Schlauch enthält fast ebenso viel Wein wie sieben Dreiviertelliterflaschen. Die einfache, energiearme Produktion der Verpackung ermöglicht es den Anbietern, den Wein um bis zu 40 Prozent günstiger anzubieten.

Doch so richtig punkten die Weinschläuche, wenn um Klima und Umwelt geht. Die sortenreine Trennung von Karton und Plastikschlauch ist kinderleicht. Bezogen auf das Endprodukt ist der Energieverbrauch um 72 Prozent und der Wasserverbrauch um 78 Prozent geringer. Der CO2-Ausstoß vermindert sich um 82 Prozent.

Selbst in Frankreich zunehmend populärer

Wenig erstaunlich, dass der Weinschlauch zunehmend Freunde gewinnt. In Schweden gehen etwa 70 Prozent des verkauften Weins als Bag-in-Box an die Konsumenten. In Deutschland etwa die Hälfte. Und seitdem auch hochwertige Weine in Schläuchen angeboten werden, greifen selbst die Franzosen zunehmend zu den Weinen im rechteckigen Karton. Machten im Jahr 2005 die BIB-Weine in Frankreich nur 12 Prozent des nationalen Absatzes aus, so sind es inzwischen etwa 40 Prozent. Inzwischen gibt es Edelläden in Paris, die fast nur Wein im Schlauch verkaufen – früher undenkbar. Prost!

Mehr: Télérama; TAZ; La Revue du vin de France

Lothar Schnitzler

1 Kommentar

  1. Ein zusätzlicher großer Vorteil des Weinschlauches besteht darin, dass der Wein – einmal geöffnet – sehr viel länger haltbar ist als in einer geöffneten Flasche. Das wird sich durchsetzen – genau wie die Kunststoffkorken vor einigen Jahren !!!

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