Zu Land, zu Wasser, in Böden: Die Plastikverschmutzung trifft uns alle

Sie ist ein ebenso großes Problem wie die Erderhitzung – die Plastikverschmutzung unseres Planeten. Eine neue Studie warnt vor irreperablen Schäden in den Ozeanen. Die gute Nachricht: Jeder kann dazu beitragen, dass es weniger schlimm kommt.

Ein Plastikbecher hat sich auf einem Seeigel verhakt, ein Sinnbild für die gravierende Plastikverschmutzung der Ozeane
Aufgespießter Plastikbecher auf Seeigelrücken Bis 2050 droht die Vervierfachung der Plastikverschmutzung
Bild: Philipp Kanstinger/WWF

Im Vorfeld der Ende Februar in Nairobi beginnenden UN-Umweltkonferenz UNEA schlagen die Umweltorganistion WWF und das angesehene Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Bremerhaven Alarm. Ihre Warnung: Schon heute verseuchen jährlich rund 23 Millionen Tonnen Plastikmüll die Gewässer der Welt. Das entspricht fast zwei LKW-Ladungen pro Minute. Setzt die Menschheit dem Umweltfrevel nicht entschieden ein Ende, droht sich die Plastikverschmutzung bis 2050 zu vervierfachen.

Delfine halten Plastikteile für Beute und verschlucken sie

Für das Meeresleben hat die “Plastifizierung” der Ozeane drastische Folgen, schildert die AWI-Biologin Melanie Bergmann. Der Kunststoff raubt Korallen und Schwämmen Licht und Sauerstoff. Robben und Schildkröten verheddern sich in Netzen und gehen qualvoll zugrunde. Delfine und Wale halten Plastikteile für Beute und verschlucken sie. Der Müll mindert die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzungsfähigkeit der Tiere (siehe Grafik unten).

Grafik Wechselwirkungen der Plastiks auf das Ökosystem der Ozeane
In den Fängen des Plastiks Empflindliche Störung des Ökosystems Quelle: WWF

Das Fatale an der Entwicklung sei, dass die Verseuchung bereits “unumkehrbar ist”, betont Heike Vesper, Meeresschutz-Expertin des WWF Deutschland. “Einmal im Meer verteilt, lässt sich Kunststoffmüll kaum zurückholen. Er zerfällt stetig, sodass die Konzentration von Mikro- und Nanoplastik noch jahrzehntelang ansteigen wird.” Aktuell schädigt die eingetragene Abfallflut schon bis zu 90 Prozent der im Meer untersuchten Arten, berichtet das AWI. Allenfalls großvolumiger Müll lässt sich noch mit Hilfe kostspieliger Sammeltechniken in kleinen Mengen wieder aus dem Wasser fischen. Die Meere rettet das nicht.

Taucher birgt vor der Küste Fijis eine im Wasser treibende Mülltonne aus dem Meer
Taucher birgt eine treibende Mülltonne vor der Küste Fijis aus dem Meer Wirkungslose Rettungsaktionen
Bild: Thomas Ronge/AWI

Um das Schlimmste zu verhindern, fordern AWI und WWF ein verbindliches globales Abkommen zum sofortigen Stopp der Plastikverschmutzung. Umweltaktivisten sammeln derzeit zur Unterstützung Unterschriften.

Über die Nahrungskette gelangt Mikroplastik ins Gehirn

Dabei hat die Vermüllung des Planeten längst entfernte Gegenden wie das Himalaya-Gebirge und unsere Äcker und Weiden erreicht. Jahr für Jahren reichern sich 19 000 Tonnen Plastik in den Böden zwischen Flensburg und Konstanz an – und bleiben dort auf ewig. Am Ende fällt die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur auf den Menschen zurück, gefährdet über die Nahrungskette seine Gesundheit. Südkoreanische Forscher fanden heraus, dass winzige Partikel die Blut-Hirn-Schranke überwinden und im Gehirn landen können.

America first beim Vermüllen

Niemand verschandelt die Ökosysteme stärker mit Kunststoff als die US-Amerikaner – pro Kopf mit 133 Kilogramm im Jahr. Das Land verpackt gedankenlos fast alles, und das äußerst großzügig, Recycling ist so gut wie unbekannt. Mit weitem Abstand folgen Südkoreaner und Chinesen.

Doch auch Europa und Deutschland sind beileibe keine Musterknaben. Dort tragen unter anderem Mode-Junkies, Fressbuden und Billigketten kräftig zur Plastikflut bei. Immerhin hat ihr die EU den Kampf angesagt: Mit einem Verbot von Einwegplastik und Einkaufstüten aus Kunststoff. Seither bemühen sich Startups mit ess- und kompostierbaren Löffeln und Tellern aus Algen oder Brotteig sowie Rückgabesystemen für Porzellanschüsseln um umweltverträgliche Alternativen.

Kompostierbare Obstschalen aus Weizenstroh

In der Uckermark stellt der in Kolumbien geborene Hamburger Eduardo Gordillo neuerdings kompostierbare Verpackungen aus Agrarabfällen her. Bei Landwirten sammelt sein Unternehmen Bio-Lutions gegen Entgelt Hanf, Weizenstroh und Tomatenstengel ein und verarbeitet die Fasern zu Tellern und Verkaufsschalen für Obst und Gemüse weiter. Ihre Konsistenz käme der eines Eierkartons nahe, verrät Gordillo.

Auch die Wissenschaft sucht nach Auswegen aus der Misere. Kieler Forscher züchten Bakterienkolonien, die dermaßen ertüchtigt das Zeug haben sollen, Plastik aufzufressen. Ein Hoffnungsschimmer immerhin.

Bewusstes Einkaufen hilft gegen die Plastikflut

Statt abzuwarten, und das ist die gute Nachricht, kann jeder heute schon selbst dazu beitragen, die Verbreitung der gefährlichen Mikrofasern einzudämmen. Zum Beispiel, indem er seinen Wäschetrockner stilllegt und Hosen und Röcke auf der Leine trocknet. Und er seine Kleidung möglichst lange trägt.

Auch beim Einkauf bewirken kleine Verhaltensänderungen in der Summe mitunter viel. Das zeigen die Ökobilanzen verschiedener Verpackungsformen, die das Forschungsprojekt Innoredux errechnet hat. Etwa für Seifen, Waschpulver und Käse (siehe Grafik unten). Jeder kann sich auf der Seite “plastik-reduzieren” mit wenigen Klicks informieren.

Die beste ökologische Variante beim Einkauf Infoseite der Projekts innoredux

Das Ergebnis beim Käsekauf: Dünne Folien oder Mehrwegverpackungen sind am nachhaltigsten. Sowohl im Kampf gegen die Plastikseuche als auch bei der Klimarettung. Na dann: mit Verstand eingekauft!

Mehr: WWF

Von Dieter Dürand

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