Energiesparen: Berlin wieder mal schlafmützig

Während Spanien den EU-Gas-Notfallplan schon umsetzt, diskutiert die Ampelregierung lieber über Fracking und einen Streckbetrieb der verbliebenen drei Atomkraftwerke. Dabei ist das Potential zum Energiesparen gerade beim Gas ziemlich hoch.

EU-Gas-Notfallplan zum Energiesparen (Symbolbild)
EU-Notfallplan (Symbolbild) Wenn Putin den Gashahn zudreht Foto: Alexandra Koch/Pixabay

Wie hoch rechnete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin schon im April in kurzfristigen Szenarien durch. Im besten Fall könnten Wirtschaft, private Haushalte und Energieversorger dieses Jahr den Gasverbrauch um bis zu 26 Prozent drosseln (siehe Grafik unten). Bei konsequentem Energiesparen müsse Deutschland auch ohne russische Erdgaslieferungen nicht frieren oder in den Produktions-Lockdown gehen, folgerten die Ökonomen. Eine Fraunhofer-Studie stützt die Einschätzung. Demnach könnten allein die Stadtwerke ihren Gasbezug um bis zu 60 Prozent reduzieren.

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Pflicht zum Energiesparen statt Appelle

Vor diesem Hintergrund platzte den Energieexperten von Greenpeace und der Deutchen Umwelthilfe (DUH) jetzt der Kragen. Die Bundesregierung solle dem Beispiel Spaniens folgen und Energiesparen zur Pflicht machen, statt es bei Appellen zu belassen, verlangt DUH-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner. “Sie muss dem Verschwenden von Energie ein Ende bereiten.”

Auch Greenpeace-Vorstand Martin Kaiser drängt Klimaminister Robert Habeck zur Abkehr von der Freiwilligkeit. Der spanische Ansatz erhöhe die Akzeptanz für Energiesparmaßnahmen in der Bevölkerung, ist Kaiser überzeugt.

Balkengrafik zum Energiesparen bei Gas
Erdgas-Einsparpotential 2022 nach Sektoren (in Milliarden Kubikmeter) Viel Luft bei Industrie und Wärmeerzeugung
Quelle: DIW

Obwohl Spanien weit weniger abhängig ist von Gaslieferungen aus Präsident Wladimir Putins Reich, verdonnert Umweltministerin Teresa Ribera Geschäftsinhaber dazu, nach 22 Uhr die Beleuchtung in den Schaufenstern auszuknipsen. Auch in öffentlichen Gebäuden geht dann das Licht aus, es sei denn, sie haben noch geöffnet. Klimaanlagen in Behörden, Hotels, Kinos, Büros und Bahnhöfen dürfen die Temperatur im Sommer auf höchstens 27 Grad Celsius abkühlen. Im Winter fährt die Heizung runter, sobald 19 Grad erreicht sind. Die Regelungen gelten bis November nächsten Jahres.

In Frankreich drohen Bußgelder

Auch andere EU-Partner verhängten bereits Maßnahmen, wenn auch weniger drastische als Spanien. In Griechenland sollen Beschäftigte die Rechner runter fahren, wenn sie ihren Arbeitsplatz verlassen. Und die Regierung investiert 640 Millionen Euro in die Energieeffizienz öffentlicher Gebäude. Frankreich drosselt ebenfalls Klimaanlagen und Heizungen und droht Geschäftsinhabern Bußgelder in Höhe von 750 Euro an, wenn die Türen ihrer klimatisierten Läden nicht automatisch schließen.

Lieber wird über Nebenkriegsschauplätze diskutiert

Dagegen verliert sich Deutschland, angezettelt vor allem von FDP-Chef Christian Lindner und dem bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, in Debatten: Zum Beispiel um eine Laufzeitverlängerung der drei verbliebenen Atomkraftwerke, oder die Möglichkeit, Gas aus tieferen Gesteinsschichten vor allem in Norddeutschland mittels Fracking heraus zu holen. Ersteres reduziert nach einhelliger Meinung der Experten den Gasbedarf allenfalls marginal; Letzteres wäre kurzfristig nicht zu realisieren und mit Risiken behaftet. Allerdings wegen verbesserter Methoden mit weniger als früher.

Der Vorgang bestätigt einmal mehr: Das Naheliegende rasch anzupacken gehört nicht zu den deutschen Stärken. Lieber wird endlos lamentiert und werden abwendbare Gefahren beschworen – wie die kalte Wohnung im kommenden Winter.

Mehr: DIW zdf Tagesspiegel

Dieter Dürand

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