Städte: Zurück zur Natur

Dauerstaus, Hitze, extreme Luftverschmutzung – die Lebensbedingungen in vielen Städten setzen ihre Bewohner unter Stress und gefährden ihre Gesundheit. Helfen könnten massive Investitionen in urbane Ökosysteme.

Indonesische Noch-Hauptstadt Jakarta Dem Untergang geweiht Bild: iqbalnuril/Pixabay

Davon jedenfalls ist Akanksha Khatri überzeugt, Natur- und Biodiversitätsexpertin des Davoser Weltwirtschaftsforums (WEF). Forcierten Bürgermeister und Planer in den Metropolen nicht zügig ein Umdenken, drohe immer mehr Städten ein Schicksal wie der bisherigen indonesischen Hauptstadt Jakarta auf der Insel Java.

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Eine Stadt versinkt

Weite Teile des Molochs versinken im Morast, weil die Stadtwerke für die Industrie und die Versorgung der 30 Millionen Einwohner die Grundwasservorräte plündern. Zusätzlich wächst die Gefahr, dass der in Folge der Erderhitzung steigende Meeresspiegel Straßen und Häuser flutet.

Die Regierung sah nur einen Ausweg aus dem Desaster. Sie beschloss jetzt, auf Borneo eine neue Hauptstadt namens Nusantara zu bauen, weil Jakarta nicht zu retten sei. Kostenpunkt: 28 Milliarden Euro.

Schulschließungen wegen toxischen Smogs

Flucht zum nächsten Kahlschlag? Um Platz für die Bebauung zu schaffen, lässt Präsident Joko Widodo erste einmal 6000 Hektar Regenwald roden. Für Khatri keine zielführende Reaktion auf die Problematik, die sich auch in ihrer Heimatstadt Neu Delhi dramatisch zuspitzt. Dort mussten im vergangenen November, berichtet sie, alle Schulen mehr als ein Woche wegen toxischem Smogs schließen und mehrere Kohlekraftwerke in der Umgebung abgeschaltet werden.

Belüftungsschneisen und Baumgürtel gegen die Hitze

Was aber tun? Statt weiter ausschließlich in den Kategorien neue Häuser, noch mehr Straßen und Versorgungsleitungen zu denken, sollten die Verantwortlichen in den Aufbau einer grünen Infrastruktur investieren, fordert Khatri: Naturnahe Belüftungsschneisen und großzügige Parks, verbundene Wasserwege und Seen, um Überschwemmungen vorzubeugen, Stadtfarmen, begrünte Dächer und Wände sowie Baumgürtel, die Sauerstoff produzieren und gegen die Hitze kühlen.

Effektiver Klimaschutz zum halben Preis

Zurück zur Natur wäre auch billiger, rechnet sie vor. Eine grüne Infrastruktur würde die Klimaresistenz, Wasserversorgung und Abwasserentsorgung zur Hälfte der üblichen Kosten deutlich verbessern. Aber gerade einmal 0,3 Prozent aller Investitionen flössen in solche naturnahen Maßnahmen.

Dabei ist absehbar, dass sich die Krise der Städte weiter zuspitzt. 2050, so die Prognose, werden 70 Prozent der Menschheit in urbanen Zentren leben. Drei von vier Städten werden mit teils drastischer Wasserknappheit zu kämpfen haben. Längst sind die Metropolen die globalen Ressourcenfresser.

Freetown zu Treetown

Immerhin steuern die ersten Städte gegen. Singapur, das keine Fläche hat, um auszuweichen, forstet auf, wo vorher Autos rasten und verankert auf seinen Gewässern riesige Solarfarmen, die sauberen Strom produzieren. Der Bürgermeister von Sierra Leones Hauptstadt hat die Kampagne “Freetown to Treetown” ins Leben gerufen. Sein Ziel: Schon Ende des Jahres soll die Hälfte der Küstenstadt von Vegetation bedeckt sein – als Schutz gegen Erdrutsche und Fluten.

Rückhaltebecken bändigen Sturzfluten

In Europa wandeln sich Zentren wie Barcelona, Mailand und Paris planvoll zu “Green Cities”, schaffen Platz für Mensch und Natur, unter anderem durch den Rückbau von Verkehrsschneisen. In Deutschland denken Stadtplaner nach den verheerenden Sturzregen an Erft und Ahr daran, sogenannte Schwammstädte anzulegen. Begrünte Rückhaltereservoirs sollen die Wassermassen bändigen, die sich sonst in Keller und Gebäude ergießen würden.

Für Biodiversitäts-Expertin Khatri kann dies alles jedoch nur ein Anfang sein. Ihr Appell: Um die Städte gegen den Klimawandel zu wappnen, müsste Ökosysteme ein wichtiger Teil ihrer Infrastruktur werden.

Mehr: Nature

Von Dieter Dürand

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