Verwirrspiel um Plug-in-Hybride und E-Fuels

15 Millionen Elektroautos bis 2030 sollen einen entscheidenden Beitrag zum deutschen Klimaziel leisten. Darauf einigte sich die Ampel-Koalition. Gilt das noch? Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) irrtiert mit widersprüchlichen Aussagen.

Elektroauto an der Stromtankstelle Der Verkehrssektor ist mit der schlimmste Klimasünder Bild: stux auf Pixabay

Als Wissings Kabinettskollege, der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck, die Tage seine Eröffnungsbilanz zum Stand des Klimaschutzes in Deutschland vorstellte, hielt er zur Illustration mehrere große Grafiken in die Kameras. Eine der Darstellung zeigte, welcher Sektor besonders weit hinter den Zielen der Bundesregierung zur Reduktion der Treibhausgase zurück bleibt – und daher besonders gefordert ist, wirksam gegenzusteuern: der Verkehr (siehe Grafik unten).

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Schönrechnerei statt klare Kante

Es gäbe also viel zu tun für den FDP-Verkehrsminister. Klare Kante, klares Konzept? Eher nicht. Stattdessen verwirrt Wissing Wirtschaft und Autofahrer mit widersprüchlichen Aussagen zu Plug-in-Hybriden und E-Fuels. Das sind mit Hilfe erneuerbarer Energien hergestellte Kraftstoffe. Manches klingt nach Schönrechnerei.

Aufwärts statt abwärts Ohne Gegenmaßnahmen reißt der Verkehrssektor das Klimaschutzziel zunehmend

Ursprünglich hatte der Liberale betont, die 15 Millionen E-Autos müssten vollelektrisch fahren. Dann sprach er nur noch von elektrisch, um dann in einem Interview seine Sicht weiter aufzuweichen: Natürlich leiste auch der Hybrid einen Beitrag. Seither hegen Beobachter den Verdacht, der gewiefte Politiker wolle die Autos, die meist mit Benzin oder Diesel fahren und nur kurze Strecken mit Strom, mitrechnen, um die Klimabilanz zu schönen.

Protestgeschrei wegen E-Fuels-Bann

Ähnlich konfus agierte Wissing bei den E-Fuels. Im ersten Zug wollte er die grünstrombasierten Kraftstoffe wegen vermeintlicher Knappheit für Flugzeuge reservieren. Als Opposition und Autolobby in Gestalt der VDA-Präsidentin Hildegard Müller daraufhin in Protestgeschrei ausbrachen, ruderte der Minister im Bundestag wieder zurück. “Jeder Beitrag zur CO2-Reduktion ist wichtig.”

Zuwachs an Stecker-Fahrzeugen illusorisch

Ein Teil des Hin und Hers könnte daher rühren, dass Wissing immer klarer wird, dass das selbstgesteckte 15-Millionen-Ziel nach einer aktuellen Studie unerreichbar zu sein scheint. Zwar legten die Vollstromer hier zu Lande zuletzt um mehr als 100 Prozent zu; der Bestand stieg auf rund 550 000.

Befeuert wird der Boom, weil die Stecker-Fahrzeuge Experten zufolge inzwischen wirtschaftlicher sind als Benziner und Diesel. Und denen gegenüber überdies unschlagbare Umweltvorteile aufweisen. Das belegt eine jüngste Studie von Wissenschaftlern der renommierten Yale Universität im US-Bundesstaat Connecticut.

Hemmschuh Ladeinfrastruktur

Doch Analysten des Unternehmens Dataforce rechnen bis zum Ende des Jahrzehnts allenfalls mit neun Millionen neu zugelassener reiner Elektroautos – selbst bei stärkerer staatlicher Förderung in Form von Kaufprämien.

Ein Hemmschuh für die raschere Verbreitung bleibt der schleppende Aufbau der Ladeinfrastruktur zwischen Nordsee und Alpen. Stromwirtschaft und Autoindustrie streiten, wie das Aufstellen neuer Stromzapfsäulen beschleunigt werden kann. Jede Woche müssten 2000 Stationen dazu kommen, fordert der VDA. Alle warten auf ein klares Konzept des Verkehrsministers.

Vorrang für den Gasfuß

Eine sofort wirksame und nichts kostende Maßnahme zum Klimaschutz hat Wissing derweil noch einmal kategorisch ausgeschlossen: ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen. Es würde pro Jahr zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen – so viel, wie der innerdeutsche Flugverkehr verursacht. Die Verkehrsemissionen sänken um zwei Prozent.

Die Freiheit, dem Klima zu schaden, nehme ich mir, lautet offenbar Wissings Botschaft. Gasfuß hat Vorrang.

Von Dieter Dürand

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