Was der Ukraine-Krieg für die Energiewende bedeutet

Rolle rückwärts oder Booster für die Energiewende? Der Ukraine-Krieg erzwingt einen Umbau der deutschen Energiepolitik im Eiltempo, um sich aus der fatalen Abhängigkeit von Russland zu befreien. Eine Analyse.

Verlegung des letzten Rohrs der Erdgaspipeline Nord Stream 2
Symbol einer gescheiterten Beziehung Die Erdgasleitung Nord Stream 2 liegt als Folge der Ukraine-Kriegs auf Eis Foto: Nord Stream 2 / Axel Schmidt

Hauseigentümern flattern in diesen Tagen massenhaft Mails in den Posteingang. Ebenso traktieren vermeintliche Energieexperten sie mit Anrufen. Der Inhalt: Werden Sie mit Photovoltaik (PV)-Anlagen auf dem Dach ihr eigener Stromversorger. Seriöse Anbieter und Geschäftemacher haben schnell kapiert, dass der Schock, den der Ukraine-Krieg auslöst, und die Angst vor einer Energiekrise die Bereitschaft vieler Menschen drastisch erhöht, jetzt in ihre Energieunabhängigkeit zu investieren.

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Investition gegen durch die Decke schießende Energiepreise

Und es ist ja wahr: Jede selbst produzierte Kilowattstunde (kWh) Strom und Wärme mildert die extreme Abhängigkeit Deutschlands von russischen Energielieferung, sei es in Form von Öl, Kohle oder Gas, zumindest ein ganz klein wenig. Ebenso federt sie die Last steigender Energiepreise ab.

Und nicht zu vergessen: Sie hilft, das Klima zu retten, wofür sich das Zeitfenster gefährlich schnell schließt. Davor warnt der heute veröffentlichte zweite Sachstandsbericht der Weltklimarats IPCC eindringlich wie nie. Dazu passt, dass Australien von katastrophalen Regenfluten heimgesucht wird, die es in diesen Dimensionen noch nie gab und mehrere Menschenleben forderten. Extremwetter werden wegen der Erderhitzung von der Ausnahme zur Regel.

Deutschland steckt in den energiepolitischen Klauen Putins

Alle diese Faktoren sprechen dafür, den Umstieg auf die Erneuerbaren so stark zu beschleunigen wie es eben nur geht: Sonne, Wind, grüner Wasserstoff, Bio-Kraftstoffe. Die Bundesregierung reagiert. Sie will die hiesige Stromversorgung schon 2035 zu 100 Prozent aus den regenerativen Energien bestreiten. 15 Jahre früher als bisher geplant. Gut so, aufs Tempo zu drücken.

Doch kurzfristig zahlen das Klima und wir einen hohen Preis für Russlands Präsident Wladimir Putins Aggression. Zu fest steckt Deutschland in den energiepolitischen Klauen des Diktators: 35 Prozent des Öls, 50 Prozent der Kohle und gar 55 des Erdgases bezieht die Republik von ihm. Diese gigantischen Mengen lassen sich nicht von heute auf morgen durch Erneuerbare ersetzen.

Ausgerechnet Braunkohle wird zur eisernen nationalen Energiereserve

Um für den Notfall gerüstet zu sein, müssen Kohlekraftwerke länger am Netz bleiben, vielleicht auch die drei verbliebenen Atomreaktoren. Der Kohleausstieg kann nicht, wie klimapolitisch eigentlich geboten, auf 2030 vorgezogen werden. Ausgerechnet die besonders schmutzige Braunkohle wird zur eisernen nationalen Energiereserve. CO2-haltigeres Flüssiggas (LNG) tritt an die Stelle von russischem Erdgas.

Alles bittere Pillen. Am wenigsten schmerzt da noch die auf Eis gelegte Zertifizierung der jüngst komplett fertig gestellten Ostsee-Erdgas-Pipeline Nord Stream 2. Nach gegenwärtigem Stand ist es eher unwahrscheinlich, dass sie jemals in Betrieb gehen wird.

Wie aber könnte der Weg aus der Energieabhängigkeit von Russland und in eine grüne Zukunft aussehen? Vor allem drei Bausteine entscheiden über Zeitpunkt und Erfolg:

Solarstrom

Hier will die Ampel-Koalition die installierte Kapazität von heute 50 bis 2030 auf 200 Gigawatt (GW) vervierfachen. Rechnerisch entspricht das der Leistung von 200 großen Kohlekraftwerken. Um rasch an Ziel zu kommen, plant das Wirtschaftsministerium unter anderem die Anschaffung der PV-Anlagen stärker zu bezuschussen, auch Solaranlagen über Ackerflächen ins Förderprogramm aufzunehmen und Kürzungen der Einspeisevergütung bei schnellem Zubau (atmender Deckel) zu streichen. Zudem sollen mehr Flächen für große Solarparks ausgewiesen werden. Ersetzen strombetriebene Wärmepumpen klassische Heizsysteme, sinkt automatisch der Bedarf an Erdgas und Heizöl.

Ein Haken: Schießt die Nachfrage nach Solarmodulen in die Höhe, dürften die sich spürbar verteuern und die Rentabilität schmälern. Jetzt rächt sich zudem, dass der einstige Weltmarktführer Deutschland ohne Not auf Druck von Marktideologen seine Spitzenposition bei der Fertigung von Solarzellen mehr oder weniger kampflos vor allem an chinesische Hersteller abgetreten hat. So sei ein neue Abhängigkeit in einer Schlüsseltechnologie der Zukunft entstanden, kritisiert der Ko-Präsident des European Solar Manufacturing Councils, der Deutsche Eicke Weber. Seine Forderung: “Wir müssen uns dringend wieder auf eigene Beine stellen.”

Windkraft

Deren Leistung soll nach dem Willen der Regierung bis 2030 auf bis zu 110 GW an Land und 30 GW auf dem Meer ausgebaut werden. Sie drängt die Bundesländer daher dazu, zügig neue Flächen auszuweisen, auf denen sich die Rotoren drehen. Die Windkraft hat gegenüber Solar den Vorteil, unabhängig von Jahres- und Tageszeit Strom zu produzieren – sofern zumindest eine leichte Brise weht. Die jüngste Sturmserie über Deutschland brachte Rekordernten ein.

Bei den Erzeugungskosten je Kilowattstunde hat die Windkraft inzwischen gleich gezogen mit Kohlestrom – zumindest unter günstigen Bedingungen. Noch wichtig: Drei der führenden Windanlagen-Hersteller haben ihren Firmensitz in Europa: Siemens Gamesa und die beiden dänischen Konzerne Vestas und Orsted. Technologisches Know-how und Produktionsstätten liegen also hier. Nach den Problemen im vergangenen Jahr unter anderem mit gerissenen Lieferketten kommt der Branche das politische Signal also gerade recht.

Grüner Wasserstoff

Die Gewinnung des Energieträgers mithilfe erneuerbarer Quellen wäre das künftige Rückgrat einer zuverlässigen und wirtschaftlich tragbaren heimischen Energieversorgung. Denn Wasserstoff kann jederzeit in Strom und Wärme umgewandelt werden. Außerdem ist er ein unersetzlicher Grundstoff in der Industrie. Und er kann statt des Erdgases durch vorhandene Leitungen fließen, bedarf also keiner neuen Infrastruktur.

Zusätzlicher Pluspunkt: Deutsche Unternehmen wie Thyssenkrupp und Siemens verfügen beim Herzstück der Wasserstoffgewinnung, den sogenannten Elektrolyseuren, die Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten, über herausragende Expertise und Praxiserfahrung. Die Strommultis RWE und Eon treiben Forschung, Entwicklung und erste Projekte mit Milliarden-Subventionen voran.

Billig wird der Umstieg allerdings nicht. Er ist vielmehr ein Mammutaufgabe. Allein die Umstellung der besonders schmutzigen Stahl-, Zement- und Aluminiumproduktion auf Klimaneutralität wird nach Berechnungen der Denkfabrik Agora Energiewende 40 Milliarden Euro verschlingen.

Doch wer jetzt vorn dabei ist, kann schon in wenigen Jahren die Früchte dieser Zukunftsinvestition ernten. Das sagen jedenfalls die Marktanalysten von BloombergNEF voraus. Schon 2030 wird grüner Wasserstoff ihren Szenarien zufolge 75 Prozent billiger sein als solcher aus Erdgas. Allerdings vor allem in sonnenreichen Gegenden, wo das Wasser mit spottbilligem Solarstrom aufgespalten werden kann. Aber selbst unter deutschen Wetterbdingungen produzierter sauberer Wasserstoff kommt bis dahin in den Bereich der Wirtschaftlichkeit.

Fazit: Es gibt ihn, den Pfad aus der Energieabhängigkeit von Russland und zu mehr Klimaschutz. Entschiedenes politisches Handeln vorausgesetzt. Die Zeit dafür ist reif.

Von Dieter Dürand

Mehr: faz IPCC Spiegel

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